„Der Blick auf das Grätzl hat mich insofern fasziniert“, erzählt Karina Clement, „als dass ich im Rahmen meiner Forschungen immer wieder beobachtet habe, dass aus diesem Mikrokosmos sehr viel für das Thema Bildung und Lernen herausgeholt werden kann“.
„Jedoch hat das Grätzl als öffentlicher Lernraum bis dato in der wissenschaftlichen Betrachtung kaum Beachtung gefunden“, betont Klement vom Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Arbeitsbereich Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Graz, die Motivation für ihre Dissertation. Ihre empirischen Untersuchungen zum Lernpotenzial im Grätzl hat die Wissenschaftlerin in Floß-Lend in Graz durchgeführt.
Klement hat dazu Einzelpersonen befragt, so genannte Walking-Interviews geführt und dabei begleitende Beobachtungen festgehalten. Unter anderem wurde sie von Grätzl-BewohnerInnen auch an Orte geführt, wo diese sich gerne aufhalten, aber auch an solche, die sie meiden. „Beides“, veranschaulicht Klement, „bedingt Lernprozesse.“
Bildanalysen und Bildinterpretationen sowie ExpertInneninterviews vervollständigten die Forschungsarbeit. Klement ist dabei nach den folgenden Kriterien vorgegangen (Modell von Katrin Kraus): Atmosphäre (Wie wohl fühlt sich jemand in der Umgebung), Kopräsenz (Wer ist noch in der Umgebung), Wissensträger (verwendetes Lernmaterial) und Infrastruktur. Das gesammelte, analysierte, interpretierte und zusammengeführte Material zeigte schließlich, wie, und vor allem, dass, Lernen und Raum untrennbar in Verbindung stehen. Örtliche Bedingungen und räumliche Gegebenheiten haben entscheidenden Einfluss auf das Lernen der BewohnerInnen im Grätzl. Vor allem aber stellt das Grätzl, als öffentlicher Raum und Lernort, für seine BewohnerInnen eine Reihe an Lernpotenzialen dar.
Individuelle Lebenswelten für die Praxis der Erwachsenenbildung nutzenKlement nennt zur Verdeutlichung ein praktisches Beispiel: Eine Bewohnerin hat im Grätzl einen Garten angelegt. Sie erzählt, wie sie zunächst darum kämpfen musste, um das verwilderte Grundstück bearbeiten zu dürfen. Sie beschreibt, was sie aus diesen Erfahrungen gelernt hat und wie sich dabei ihre Einstellungen und ihr Verhalten verändert haben. Politische Bildung). Die Dame engagiert sich jetzt aufgrund dieser Erfahrungen politisch und für das Gemeinwesen. Denn sie nimmt auch wahr, dass es im Bereich dieses Gartens zu Begegnungen kommt, was dieser Raum für Menschen bedeutet und was er mit ihnen macht. Es öffnet sich das Bewusstsein für das Leben im Gemeindebau und das Thema Migration (Soziales Lernen). Interessant auch, wie durch die Bearbeitung des Gartens Wissen rund um unterschiedliche Pflanzen und Insekten aufgebaut wurde (Fachwissen) – und zwar ohne, dass es der Person eigentlich bewusst gewesen ist.
Die Arbeit belegt, wie bedeutsam der Mikrokosmos „Grätzl“ auch für die Erwachsenenbildung sein kann; für die Zielgruppen-Orientierung, für neue Formate und Lernpotentiale im öffentlichen Raum. Klement: „Es zeigt sich interessanterweise auch, dass Personen verlässliche Rückkehrmöglichkeiten brauchen, damit Lernen funktioniert – einen Anker, einen Halt, ein Zuhause. Das entspricht ganz dem Trend der Verinselung von Lebenswelten; der Tendenz, sich so genannte Inseln zu suchen – sei es der Schrebergarten oder der Tennisverein. Gerade hier aber kann viel über Zielgruppen, über Erwachsene und ihre Lebenswelten gelernt werden. Das könnte die Erwachsenenbildung gut für sich nützen – aber auch die Politik.
Nach Freigabe der Masterarbeit teilen wir diese gerne.
Jessica Braunegger | Universität Graz, Universitätsplatz 3, 8010 Graz +43 316 380 – 8029 | jessica.braunegger@uni-graz.at | Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
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