Erwachsenenbildung wird in Zukunft immer wichtiger werden | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Erwachsenenbildung wird in Zukunft immer wichtiger werden

September 2025

Claudia Zülsdorff, Mitarbeiterin im Bildungsnetzwerk Steiermark, geht Ende September in Pension – aber nicht in den Ruhestand, wie sie ausdrücklich betont. Ihrer Weiterbildungsleidenschaft wird die aktive und bildungshungrige Neo-Pensionistin nämlich auch in der nachberuflichen Zeit treu bleiben und hat da schon einige konkrete Felder, die sie beackern will.

Claudia Zülsdorff (Foto: privat)

Du gehst nun nach 21 Jahren im Bildungsnetzwerk Steiermark in den Ruhestand – wie fühlt sich das an?
Eigentlich sehr eigenartig – aber auch sehr angenehm. Denn ich gehe zwar in Pension, aber nicht in den Ruhestand. Vor allem in der letzten Zeit habe ich erkannt, dass ich noch sehr viel zu sagen und weiterzugeben habe. Ich habe da auch schon einiges gefunden, wo ich mich aktiv einbringen kann – etwa im Bereich Naturvermittlung und im Naturschutz, der mir sehr am Herzen liegt. Und ich greife auch wieder auf meine Wurzeln zurück – ich bin ja gelernte Buchhändlerin und habe Germanistik studiert; auch dahingehend werde ich wieder etwas in Angriff nehmen.

Wie bist du überhaupt zum Bildungsnetzwerk Steiermark gekommen?
Ich habe nach meinem Studium ja schon einige Zeit in der Erwachsenenbildung gearbeitet – unter anderem „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichtet und am Germanistik-Institut war ich in der Bildungsverwaltung und Redaktion tätig. Als dann das Internet aufkam, war ich total von diesen Möglichkeiten fasziniert und habe eine Ausbildung in Webdesign und Programmierung gemacht. Gestaltung mit Sprache in einer ganz anderen, neuen Form – das war großartig. Ich habe in diesem Bereich selbstständig gearbeitet, aber bald gemerkt, dass ich nicht der Typ fürs Alleine-Arbeiten bin. Als ich auf eine Ausschreibung des Bildungsnetzwerks Steiermark gestoßen bin, habe ich mich deshalb sofort beworben – und seit Anfang 2004 ist das nun mein berufliches Zuhause.

Was hat dich beim Bildungsnetzwerk sofort angesprochen?
Ich hatte ja bereits Ahnung von der Erwachsenenbildung. Aber beim Bildungsnetzwerk habe ich erst gesehen, wie vielfältig die Erwachsenenbildung und die Erwachsenenbildungs-Landschaft sind. Das war unglaublich. Vor allem aber bin ich dort auf die Besten der Besten dieser Branche gestoßen und war total froh, von ihnen lernen zu dürfen.

Welche Meilensteine durftest du in dieser Zeit mitentwickeln und mittragen?
Sagen wir einmal miterleben. Da gab es Vieles, etwa die Qualitätsarbeit. Es ist in dieser Zeit gerade aufgekommen, sich mit Qualität in Bildungseinrichtungen zu beschäftigen. Nicht weil sie schlecht gewesen wäre, sondern um dahingehend Kompetenz transparent nach außen zu tragen. Für kleinere Einrichtungen wurden überhaupt erstmals Strukturen geschaffen, um an Qualitätsmanagement arbeiten zu können.
Ich konnte auch miterleben, wie sich das Berufsbild der ErwachsenenbildnerInnen erfreulicherweise immer stärker herauskristallisiert und manifestiert hat – dank vieler gelungener österreichweiter Bestrebungen.
Auch die Entwicklung des Weiterbildungsnavi Steiermark ist eine Erfolgsgeschichte. Es hat zwar auch bei meinem Start schon eine Plattform gegeben, aber bis zu dem, was heute in seiner breiten, umfassenden und zeitgemäßen Form vorliegt, waren es viele Entwicklungsschritte.
Für das Bildungsnetzwerk ist es auch immer wichtiger geworden, gesellschaftspolitisch aktuelle Themen aufzugreifen und in den Bildungseinrichtungen dazu entsprechende Diskurse anzuregen. Und auch der Servicecharakter für BildungskundInnen hat sich über die Jahre professionalisiert und immer stärker ausgeprägt.

Was waren über die Jahre deine konkreten Aufgaben?
Die waren total vielfältig! Das reichte von Verwaltung und Website-Betreuung bis zu Projekt- und Redaktionsarbeit. Ich habe da wirklich ein sehr breites und spannendes Feld bearbeitet. Nicht zu vergessen die Netzwerkarbeit. Es ist großartig, wie das Bildungsnetzwerk diese Tradition halten und etablieren konnte und wie heute Bildungseinrichtungen über viele Bereiche hinweg kooperieren. Auch wenn natürlich ein gewisses Konkurrenzdenken notwendig ist, im Sinne des Großen Ganzen wird es letztlich hintangestellt. Das ist beeindruckend – vor allem aber zielführend.

Was waren für dich die Höhepunkte deiner Arbeit im Bildungsnetzwerk?
Ein Highlight war für mich die Auseinandersetzung mit dem Bereich der Barrierefreiheit; da durfte ich österreichweit viele ExpertInnen kennenlernen. Ganz besonders war für mich jetzt auch die Phase der Übergabe meiner Agenden – da habe ich gesehen, was ich hier eigentlich alles gemacht habe.

Was macht für dich das Bildungsnetzwerk so besonders?
Das Bildungsnetzwerk Steiermark ist einfach eine kompetente und verlässliche Anlaufstelle für die Organisationen der Erwachsenenbildung. Es bietet einen Service, der entlastet und das Gefühl von Sicherheit gibt. Man weiß, man kann beim Bildungsnetzwerk anrufen und anfragen – und da bekommt man auch entsprechend Auskunft und Unterstützung. Über das Netzwerk können Kooperationen mit anderen PartnerInnen angestoßen werden und mit dem Netzwerk hat man auch eine starke Lobbystimme.
Auch für Bildungssuchende ist unsere Einrichtung eine wichtige Anlaufstelle – für Auskünfte und für individuelle und spezielle Beratungen. Das Bildungsnetzwerk bietet außerdem Zeit und Raum für Austausch; es ist eine neutrale Stelle, die konkurrenzfrei als Kommunikationsknoten und Servicestelle agiert – das ist unverzichtbar. Mit dem Netzwerk haben nicht zuletzt auch Politik und Verwaltung einen verlässlichen und kompetenten Ansprechpartner; etwa, wenn es um Stimmungen und Entwicklungen in der steirischen Erwachsenenbildung geht.

Wie hat sich die steirische Erwachsenenbildungslandschaft in den letzten Jahrzehnten generell entwickelt?
Sie ist auf alle Fälle komplexer und gleichzeitig spezifischer geworden. Es gibt neben den großen etablierten Organisationen auch viele kleinere. Viele dieser Einrichtungen decken, sowohl was Inhalte als auch Zielgruppen angeht, spezielle Nischen ab. Zu großen Entwicklungen und Veränderungen hat auch die fortschreitende Digitalisierung geführt. Ganz generell kann man sagen, dass sich die Erwachsenenbildung auf allen Ebenen professionalisiert und differenziert hat.

Wohin siehst du die Reise für die Erwachsenenbildung gehen?
Sie wird immer zentraler, immer wichtiger. Die Zeit ist schnelllebig wie nie, es gibt immer mehr und immer komplexere Probleme, die auf die Menschen zukommen – etwa die Klimakrise, demografische Veränderungen, die Digitalisierung, zunehmende Wissenschaftsskepsis, … um nur einige Beispiele zu nennen, die Liste ist lang. In all diesen Bereichen ist Bildung und vor allem Erwachsenenbildung zentral, um am Ball zu bleiben, um Entwicklungen zu verstehen, mit ihnen umgehen zu können – und um auch aktiv mitgestalten zu können. Die Erwachsenenbildung wird in Zukunft also immer wichtiger werden; für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes.

Was sind deiner Ansicht nach die größten Herausforderungen?
Dass, beispielsweise, auf diesem Weg niemand zurückgelassen wird. Dass die Vielfalt der Angebotslandschaft erhalten bleibt und die Erwachsenenbildung in seiner ganzen Breite entsprechend finanziert wird beziehungsweise finanzierbar ist. Für die Einrichtungen wird es angesichts der rasanten Entwicklungen auf allen Ebenen sicher auch eine Herausforderung werden, stets up to date zu sein – aber nur so können sie auch entsprechend aktuelle Bildungsangebote bereitstellen. Das heißt: permanent offen sein, lernen und kooperieren.

Was stimmt dich hinsichtlich der Entwicklung der Erwachsenenbildung positiv, was eher nachdenklich?
Bedenklich finde ich den Anspruch, dass Weiterbildung meist eine akute oder monetäre Verwertbarkeit haben soll. Das ist schade. Durch diese kurzsichtige Betrachtung wird das Schöne und Große von Erwachsenenbildung verstellt und es gehen Potenziale, die in den Menschen stecken verloren. Als positiv erachte ich, dass die Bedeutung der Erwachsenenbildung politisch und generell gesellschaftlich wohl bewusster geworden ist.

Was wünscht du dir für die Erwachsenenbildung?
Dass Öffentlichkeit und Politik den Wert der Vielfalt in der Erwachsenenbildung erkennen – und dementsprechend reagiert wird.

Und für das Bildungsnetzwerk Steiermark?
Da möchte ich zunächst einmal folgendes betonen: Es ist großartig, dass das Bildungsnetzwerk auf ein so unglaublich tolles, multiprofessionelles Team und Netzwerk bauen kann. Und ich wünsche mir, dass ich, wenn ich in zehn Jahren eine Veranstaltung des Bildungsnetzwerks besuche, nach wie vor mit relevanten, aktuellen Themen konfrontiert werde. Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, bin ich mir aber jetzt schon sicher.

Was hat dich an dieser Arbeit so fasziniert, dass du dich über zwei Jahrzehnte damit beschäftigt hast?
Ganz eindeutig: die Vielfalt! Ich schätze diese große Unterschiedlichkeit der Themenbereiche und der Organisationen; da wird einem nie langweilig. Es ist spannend, sich immer wieder in neue Bereiche vertiefen zu können. Und es macht vor allem ganz viel Sinn, sich für diese Arbeit zu engagieren. Dazu kommt, dass ich in einem super Team arbeiten konnte, wo viel professioneller Austausch möglich war.

Wenn man beruflich mit Erwachsenenbildung beschäftigt ist, wie sehr spielt Weiterbildung da in der Freizeit noch eine Rolle?
Sie spielt eine große Rolle! Ich habe beruflich wie privat immer wieder Themen entdeckt, die für mich akut so interessant waren, dass ich mich dazu weiter vertiefen wollte. Und es war faszinierend zu erleben, wie sich dann in der weiteren Beschäftigung, in der Weiterbildung, neue Blickwinkel und Perspektiven aufgetan haben – und welch tolle Menschen man dabei kennengelernt hat. Das hat mich stets beflügelt.

Magst du ein praktisches Beispiel dafür nennen?
Etwa die Ausbildungen zur Nationalpark-Rangerin oder jene zur Berg- und Naturwächterin – sie haben mein Leben unglaublich bereichert. Ich habe dabei nicht nur faszinierende Einblicke in die Natur und in ökologische Zusammenhänge erhalten, sondern auch ganz großartige und engagierte Leute kennengelernt! Das Themenfeld hat mich nie wieder losgelassen und ich besuche da nach wie vor regelmäßig Weiterbildungen. Dazu kommen auch immer wieder kleinere Sprachkurse – weil ich sie einfach herausfordernd und lustig finde.

Was aus deinem Arbeitsleben wirst du am meisten vermissen?
Meine KollegInnen!

Angst vor dem „Pensionsschock?“
Nein, weil es – wie schon zu deiner Einstiegsfrage gesagt – so Vieles gibt, das auf mich wartet und auf das ich mich freue.

Bildung wirkt nachhaltig. Und sie kann dich – wenn du es zulässt – motivieren, dich über passiven Konsum hinaus, dem aktiven Gestalten zuzuwenden.