Bildung ist die Basis für eine wertebasierte Gesellschaft | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Bildung ist die Basis für eine wertebasierte Gesellschaft

Die Grazerin Julia Edlinger, 29, ist selbstständige Biologin und Umweltpädagogin mit viel Herzblut für das Ehrenamt – und das lebenslange Lernen.

Julia Edlinger © Maximilian Zarfl

Sie haben kürzlich an der Weiterbildungs-Veranstaltung „Ehrenamt – Echte Beteiligung im Verein“ im Volksbildungswerk Steiermark teilgenommen. Wie sind Sie auf dieses Angebot gekommen?
Ich war bis vor Kurzem bei der Naturschutzjugend engagiert, die im selben Haus untergebracht ist wie das Volksbildungswerk. Damit hatte ich schon lange Kontakt dorthin – persönlich aber auch über Social Media – und kannte so auch viele der Angebote.

Warum haben Sie sich dann speziell für dieses Angebot entschieden?
Das Thema Ehrenamt ist ein Herzensanliegen von mir. Ich bin in diesem Bereich schon lange sehr aktiv – habe etwa im Vorjahr über „Ehrensache Oststeiermark“ die Ausbildung zur Freiwilligen-Koordinatorin gemacht; da war die Fortbildung beim Volksbildungswerk dann natürlich die perfekte Ergänzung.

Was hat Sie bei dieser Veranstaltung am allermeisten überrascht?
Ich komme, wie gesagt, aus dem Ehrenamt und ich habe auch schon eine Ausbildung zur Jugendleiterin gemacht. Bei dieser Veranstaltung bin ich aber mit vielen verschiedenen Vereinen in Kontakt gekommen und habe gesehen, dass, egal welcher Bereich und welches Alter, viele mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Das hat mich überrascht – aber irgendwie auch beruhigt.

Welche Probleme sind das denn?
Zum Beispiel geht es in allen Vereinen darum, neue Leute zu finden – speziell auch solche, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, in den Vorstand oder ins Präsidium zu gehen. Auch das Generationen-Thema ist überall sehr präsent. Da geht es auch darum, alte Vereinsstrukturen zu modernisieren. Und wie man in der Ehrenamtlichkeit den Teamspirit beflügelt, beschäftigt ebenfalls vereinsübergreifend.

Was werden Sie von dieser Veranstaltung in den Alltag mitnehmen?
Vieles aus den vielen anderen Welten, in die ich eintauchen konnte. Ich bin raus aus meiner Blase gekommen, habe mich mit anderen Menschen aus anderen Vereinen ausgetauscht – viel Neues gehört und gelernt. Das Reden, das Gemeinsame, das mag ich an solchen Veranstaltungen.  Und auch, dass da immer ein Raum für Austausch geöffnet wird. Das ist Gold wert.
Und, um ein konkretes inhaltliches Thema anzusprechen, die Einblicke in die Welt der KI waren besonders cool. Ich hatte da bis dato wenig Berührung und das war schon hochinteressant.

Ehrenamt bei Jugendlichen – angesagt oder weniger ein Thema?
Ich finde angesagt! Auch wenn Vereine um junge Mitglieder kämpfen, generell zeigt die junge Generation, meiner Wahrnehmung nach, großes Interesse am Ehrenamt. Und wenn die Leute erst einmal tätig geworden sind, ist da weitgehend enormer Spirit und ganz viel Motivation zu beobachten.

Was kann ehrenamtliches Engagement für die Entwicklung junger Menschen bedeuten?
Unglaublich wichtige Erfahrungen, die Studium und Beruf niemals ermöglichen. Vor allem sind für Jugendliche auch die Vereins- und Organisationsstrukturen wichtig. Man denke da etwa nur an das Thema Einsamkeit, das mittlerweile auch sehr viele junge Menschen betrifft. Ein Thema, das in der Gesellschaft weitgehend untergeht, weil man Einsamkeit eher älteren Menschen zuschreibt und bei Jugendlichen meint, sie seien ohnehin über ihre sozialen Netzwerke gut verbunden. Die sind natürlich kein Ersatz für persönliche Kontakte. Und da kann das Ehrenamt sehr gut entgegenwirken. Übrigens auch ein großes Thema in den Vereinen: wie man eine gute Kombination zwischen digitaler Welt und Vereinswelt schaffen kann.

Warum ist für Sie ehrenamtliches Engagement wichtig?
Für mich ist ehrenamtliches Engagement eine superschöne Möglichkeit, selbst wachsen zu können. Der Zugang ist viel niederschwelliger als etwa im Job, man ist unter Gleichgesinnten, trifft Menschen, die das Gleiche antreibt – das ist ein wunderschönes Gemeinschaftsgefühl. Man ist im Ehrenamt auch sehr frei, kann seine Ideen gut einbringen und umsetzen; das ist mir zum Beispiel sehr wichtig.
Und nicht zuletzt macht man etwas für die Gesellschaft, das Gemeinwohl, also etwas absolut Sinnstiftendes – das ist für mich ein großer innerer Antrieb. Wenn man dann auch noch die Erfolge seines Engagements sieht und viele tolle Leute kennenlernt, ist das mit Geld nicht aufzuwiegen. Und da denke ich jetzt gerade an ein Bewerbungsgespräch bei dem ich vor allem durch das punkten konnte, was ich vom Ehrenamt mitgenommen habe – und nicht von der Uni.

Apropos Geld – schon auch ein Thema im Zusammenhang mit dem Ehrenamt. Oder?
Natürlich – man muss sich unbezahltes Engagement bis zu einem gewissen Grad schon auch leisten können. Da bin ich auch dankbar dafür, dass sich das bei mir zurzeit so gut ausgeht und dass ich diese Erfahrungen machen kann. Aber mir persönlich gibt Geld grundsätzlich nicht annähernd dieses Gefühl, das ich durch das Ehrenamt erfahre.

Wie sind Sie eigentlich auf die Ehrenamts-Schiene gekommen?
Über die Naturschutzjugend – und zu dieser bin ich wiederum über ein Praktikum im Naturschutzbund gekommen. Aber auch mein Vater und meine Mutter sind ehrenamtlich tätig – das ist in unserer Familie eine Selbstverständlichkeit, das wird gar nicht groß als Ehrenamt wahrgenommen. Ehrlich gesagt, ich könnte mir mein Leben ohne dieses bereichernde Engagement gar nicht mehr vorstellen.

Wie sehen Sie generell die Einstellung zum Ehrenamt in unserer Gesellschaft?
Ich glaube schon, dass es einen hohen Stellenwert und eine große Bedeutung hat. Das Ehrenamt ist ein superwichtiger Eckpfeiler in unserer Gesellschaft. Viele Menschen engagieren sich ja auch, ohne dass ihnen bewusst ist, dass sie eigentlich ein Ehrenamt machen. Das beobachte ich immer wieder. Es ist für sie selbstverständlich bei einem Verein oder auch „informell „einfach nur so“ ehrenamtlich tätig zu sein – etwa indem sie sich immer wieder um eine ältere Nachbarin kümmern.

Bei der Jugend zeigt sich übrigens, dass viele durch ihre Eltern in die Vereine und in die Ehrenamtlichkeit hineinwachsen. Man müsste übrigens viel sichtbarer machen, wie viele Strukturen ohne das Ehrenamt zusammenbrechen würden. Ich begegne immer wieder Menschen, die förmlich erstaunt darüber sind, dass gewisse Engagements keine bezahlten Jobs sind – dass sie einfach von engagierten Menschen in ihrer Freizeit und unentgeltlich gemacht werden.

Sie sind, ehrenamtlich, im Präsidium des Landesjugendbeirates. Was machen Sie da konkret?
Also der Landesjugendbeirat ist die gesetzliche Vertretung der verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit in der Steiermark. Das heißt: Er ist im steiermärkischen Jugendschutzgesetz verankert. Wir vertreten 30 Jugendorganisationen gegenüber Gesellschaft und Politik.

Was ist für Sie das Bereichernde an diesem Engagement?
Es sind dort die unterschiedlichsten Vereine vertreten, auch verschiedenste politische und religiöse Organisationen; Pfadfinder und Pfadfinderinnen, Landjugend, Trachtenvereine und viele mehr. Das ist eine superbunte Mischung. Aber die Plattform bringt all diese Leute für die Kinder- und Jugendarbeit zusammen. Das ist eine Friedensplattform, wurde da schon über uns gesagt. Das Engagement im Landesjugendbeirat holt mich immer wieder aus meiner eigenen Blase heraus, eröffnet mir neue Horizonte – das ist enorm bereichernd.

Sie waren bei Ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten immer rasch in der Organisations-Führung vertreten. Grundsätzlich ein Ziel von Ihnen?
Nein, das hat sich ergeben. Meist deshalb, weil sonst niemand wollte. Aber ich übernehme schon auch gerne Verantwortung. Diese Erfahrungen haben mich gefordert und gefördert – mein Selbstbewusstsein gestärkt. Da kann man sich ja sehr gut ausprobieren. Ich sehe das als eine wunderbare Möglichkeit; animiere junge Menschen daher auch immer, dieses Feld zusätzlich zu Studium und Beruf zu nützen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Ehrenamts?
Es muss auf alle Fälle neu gedacht werden. Man kann nicht immer nur sagen, es kommen keine neuen Leute mehr. Sich auf längere Zeit binden zu müssen, hemmt sicher viele, ein Ehrenamt überhaupt einmal anzugehen. Verantwortung, Verbindlichkeit und langfristig dabei bleiben sind Themen, die für die Zukunft des Ehrenamtes sicher entscheidend sind. Da braucht es also viel mehr Zeit und Möglichkeit zum Probieren, zum Reinschauen und Reinspüren. Und es braucht sicher auch im Ehrenamt professionelle Onboarding-Gespräche, wo Bedürfnisse und gegenseitige Erwartungen abgeklärt werden. Es gilt Erwartungen und Wünsche gut zu kombinieren, so dass niemand abgeschreckt wird.

Wie wichtig ist Ihnen Weiterbildung generell?
Sehr wichtig! Ohne Weiterbildung würde man ja stehenbleiben. Man braucht für seine Entwicklung laufend neue Impulse, muss über den Tellerrand hinausschauen – das löst auch Vernetzungen im Gehirn aus; und das soll schließlich nicht einrosten. Und man entwickelt sich auch als Mensch laufend weiter; ich hätte mir vor zehn Jahren niemals gedacht, dass mir das Ehrenamt einmal ein so großes Herzensanliegen sein wird.

Was haben Sie, abgesehen vom Engagement in der Jugendarbeit, schon alles am Weiterbildungssektor gemacht?
Da tut sich laufend etwas. Im Herbst habe ich etwa mit Ballett begonnen; ich gehe zu einem Pilates-Kurs, habe meine Fähigkeiten auf der Querflöte und Gitarre ausgebaut, beteilige mich an Exkursionen zu unterschiedlichsten Themen aus dem Bereich der Biologie. Am vergangenen Wochenende habe ich bei einer Volkstanzgruppe einen Volkstanz-Workshop absolviert – etwas ganz Neues und Anderes.

Was steht dahingehend als Nächstes an?
Da ist noch nichts fix, aber Bereiche wie Soziales und Psychotherapie interessieren mich sehr. Fix ist aber, dass ich beim nächsten „Ehrenamt-Impulstag“ des Volksbildungswerkes wieder dabei sein werden.

Wie sehen Sie generell den Weiterbildungseifer in unserer Gesellschaft?
Wenn ich jetzt an mein Umfeld denke muss ich sagen, dass er sehr groß ist. Das fängt schon bei meinen Eltern an – die sind in Vereinen und starten auch immer wieder mit etwas Neuem. Gefühlsmäßig glaube ich, dass dort, wo schon ein gewisses Maß an Bildung vorhanden ist, auch das Interesse an Weiterbildung größer ist.

Welche Fähigkeit würden Sie gerne besitzen?
Ich würde Menschen gerne Mut machen, sich selbst zu reflektieren – damit sie öfter ihre festgefahrenen Strukturen und Denkmuster verlassen. Die Welt wäre um so Vieles schöner, wenn mehr über den Tellerrand hinausgeblickt und respektvoller miteinander als Menschen und mit anderen Meinungen umgegangen werden würde.

Bildung wirkt … horizonterweiternd! Sie macht offen für Neues. Sie ist die Basis für eine wertebasierte Gesellschaft.

Weiterführende Informationen

Im Weiterbildungsnavi Steiermark finden Sie tausende Bildungsangebote zu unterschiedlichen Themen, speziell zum Ehrenamt beim Steirischen Volksbildungswerk und beim Katholischen Bildungswerk Steiermark. Angebote zu Sozialen Themen und Psychotherapie finden sich ebenso wie zu Bewegung und Sport oder Musik. Es ist bestimmt auch etwas für Sie dabei!

Und wenn Sie noch nicht ganz wissen, welche Chancen es für Sie im Bildungskontext gibt: Information und Beratung zu allen Fragen der Aus- und Weiterbildung für Erwachsene erhalten Sie im Bildungsnetzwerk Steiermark anbieterneutral und kostenlos:

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