Ohne Elke Gruber wäre die Erwachsenenbildung der letzten Jahrzehnte nicht denkbar. Anfangs war ihr Weg steinig, heute ist sie emeritiert und aktive Pensionistin, Bürgerin der Stadt Graz, Trägerin des Silbernen Ehrenzeichens der Republik Österreichs und plädiert für Universitäten als Diskursraum, mehr ErwachsenenbildnerInnen und eine maßvolle Nutzung Künstlicher Intelligenz.
Sie haben die Erwachsenenbildung entscheidend mitgeprägt. War dieses „Lebensthema“ von Anfang an geplant?Ich wirkte fast 40 Jahre in der Erwachsenenbildung in verschiedenen Funktionen, bin aber keine studierte Erwachsenenbildnerin. Ich war diplomierte Krankenschwester und habe in der ehemaligen DDR Medizinpädagogik im Lehramt studiert. Damit konnte man z. B. an der Akademie für Physiotherapie oder an der Krankenpflegeschule unterrichten. Als ich 1986 nach Österreich kam, war es noch nicht bei der EU, es gab mein Studium daher nicht und so wurde es auch nicht anerkannt.
Zunächst war ich Hauskrankenschwester, aber ich sagte mir: Du wirst in deinem studierten Beruf nicht mehr Fuß fassen, wenn nicht etwas geschieht. Und dann hatte ich Glück: Im Jahr 1985 war in Graz der erste Lehrstuhl für Erwachsenenbildung begründet worden und mein Mann Joachim war einer der ersten Studenten. Der Institutsleiter Werner Lenz kam übrigens auch nicht vom Fach, denn es gab damals überhaupt keine „studierten“ Erwachsenenbildner. Ich war Ende 20, als er zu mir sagte: „Schauen wir mal, vielleicht gibt es da ein Projekt.“ Außerdem warb das Ministerium zu dieser Zeit mit der Aktion „Stellenlose Lehrer in die Erwachsenenbildung“. Mit Rudi Egger, Wolfgang Knopf, Eva Kohl und Gertrud Simon gehörte ich zur ersten Generation am Institut.Wie beurteilen Sie die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten?Die Erwachsenenbildung ist – wenn man Lernen über die Lebensspanne hinweg betrachtet – der quantitativ größte Bildungsbereich in modernisierungsintensiven Gesellschaften. Von Anfang an gab es eine sehr große Skepsis gegenüber der Theorie, aber das war der notwendige Weg zur Professionalisierung. Derzeit sind wir auf einem guten Weg, stehen europaweit gut da, aber ich frage mich: Was kommt jetzt? Man hört heute immer wieder Lippenbekenntnisse, in meiner Anfangszeit gab es einfach ein paar Leute, die sich gut verstanden haben. Es war ein glückliches Zusammentreffen von Theorie, Praxis, Politik und Verwaltung. Jetzt fehlt das Push und Pull und nach wie vor gibt es ungelöste Probleme wie den Matthäus-Effekt: Wer Bildung hat, dem wird Bildung gegeben.
Was waren die zentralen Themenfelder als Sie Ihre Professur erhielten?Ich kann sagen: Die Erwachsenenbildung war ursprünglich sehr stark praxeologisch. Vor 40 Jahren fingen die ersten Pioniere, tatsächlich ausschließlich Männer, mit der Professionalisierung im Sinne eines Berufsfeldes mit theoretischem Unterbau an. Erste Lehrbücher erschienen, aber Leute, die bereits 30 Jahre in der Erwachsenenbildung tätig gewesen waren, fragten sich: Was machen die da? Das hat sich im Laufe der Zeit total verändert, es herrscht Offenheit für systematisches Herangehen, aber Pioniere braucht man nach wie vor und einen Rahmen, der sich mit der Bildungspolitik beschäftigt.Als Österreich 1995 zur EU kam, ist es dann so richtig „abgegangen“. Die Personen in der Erwachsenenbildung waren in Aufbruchsstimmung, die Wissenschaft hatte sich schon stärker etabliert, dass Bildungsministerium war offen für die Erwachsenenbildung. Damals sind Leuchtturmprojekte entstanden: Die wba Weiterbildungsakademie Österreich, die Basisbildung, heute Level Up mit der kostenlosen Möglichkeit den Pflichtschulabschluss nachzuholen, Ö-Cert Qualitätsrahmen für die österreichische Erwachsenenbildung, die Bildungsberatung und das „Magazin erwachsenenbildung.at“.Welche Themenfelder waren es zuletzt, hat sich etwas verändert?In den letzten zwei Jahrzehnten gab es dann eine Evidenzbasierung, eine Art empirischer Wende von der Bildungsphilosophie hin zur empirischen Betrachtungsweise. Die Erwachsenenbildung begann sich viel stärker als eigenständige Wissenschaft zu etablieren und positionieren und die Untersuchungsgegenstände wurden viel stärker mit wissenschaftlichen Methoden betrachtet. Ich habe viel mit partizipativer Forschung gearbeitet. Im Gegensatz zu Deutschland hat es bei uns im Wesentlichen immer nur zwei Lehrstühle gegeben, einen in Graz und ab 2004 einen in Klagenfurt, den nach mir und bis jetzt Peter Schlögl innehat. In Deutschland gehen gerade Lehrstühle verloren und alle machen Digitalisierung. In der Erziehungswissenschaft herrscht aktuell vielfach das Primat des quanitativen Forschens, in der Erwachsenenbildung ist es unumgänglich, Praxis einzubringen, um empirisch zu forschen.
Was haben Sie in Ihrer Zeit am Institut als besonders prägend erlebt? Die Studierenden und den Nachwuchs, weil ich immer gerne Lehre gemacht habe. Es hat mir irrsinnig viel Spaß gemacht zu lehren und junge Leute zu fördern. Ich bin eine Unifrau, Forschung hat mich immer total interessiert, auch neue Themen zu generieren. Das war in meiner Funktion sehr gut möglich. Die Uni ist ein Raum für Begegnung und es gibt nach wie vor viele Gestaltungsmöglichkeiten. Bitte erhaltet den Diskursraum Universität!Worauf sind Sie – bezogen auf Ihre gesamte Laufbahn – besonders stolz?Auf meine ausgeprägte Publikationstätigkeit. Nach wie vor sehe ich meine Dissertation „ Bildung zur Brauchbarkeit?“ als mein persönliches Meisterstück. Es ging um die Grundlagenfrage der Bildung zwischen Emanzipation und Brauchbarkeit. Die berufliche Bildung ist notwendig, man darf sie nicht abwerten, sich darin aber auch nicht erschöpfen, denn Bildung ist mehr. Es geht um das Austarieren zwischen Leben gestalten und nicht nur „Arbeitstier“ sein; gerade heute ist das gar nicht mehr so zu trennen. Stolz bin ich auch auf ganz viele AbsolventInnen, wo die alle sind, das ist unfassbar! Und ich habe so viele Masterarbeiten und Dissertationen betreut und war bei den genannten Leuchtturmprojekten mit dabei, bei der wba und beim Ö-Cert auch federführend.Gibt es etwas, was Sie Ihren NachfolgerInnen mitgeben möchten?Dass man Erwachsenenbildung als großes, vielfältiges und spannendes Feld sieht, bei dem es sich – auch aus der Sicht der Wissenschaft – lohnt, genauer hinzuschauen, Kooperationen einzugehen und aus der Praxis Forschungsprobleme zu generieren. Es braucht einen weiten Blick, dass man die Wichtigkeit der Erwachsenenbildung sieht und ernstnimmt
Die Verantwortlichkeiten für die Erwachsenenbildung sind in unserem Land sehr unterschiedlich verteilt – was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre von der Politik auf Landes- und Bundesebene, was für Europa?Das war immer eine ideologische Frage. Ich denke an mehr Bundesverantwortung mit großen Freiräumen für Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort. Ich glaube für die Erwachsenenbildung geht es darum, professionelles Personal zu gewinnen. Es wäre gut, wieder einmal eine Aktion zu starten unter dem Motto „300 Leute in die Erwachsenenbildung“. Und da wäre dann wichtig, dass es über diese Personen nachweislich zur Professionalisierung der Erwachsenenbildung kommt.Kein Gespräch ohne das Thema KI und wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern wird. Welche Chancen und Risiken sehen Sie in Bezug auf die Erwachsenenbildung?Ich glaube, dass die KI massive Auswirkungen hat. Ich bin eher ein Mensch, der gelassen ist, aber die KI geht an das Humane, den Kern, und dazu kommt die politische Weltlage. Da wird es massive Veränderungen geben, für den gesamten Bildungsbereich. Gerade haben Christina Schmieder und ich eine Studie zum Thema „Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung“ abgeschlossen. Es ging darum, wie bewusst KI im Management und in der Administration von Einrichtungen der Erwachsenbildung verwendet wird. Ganz viele Einrichtungen haben mitgemacht und zu unserem Erstaunen ist die KI schon sehr weit verbreitet. Unsere These dazu: „Die KI ist angekommen!“ An der Uni haben wir die Prüfungen umgestellt, Seminararbeiten kann man eigentlich nicht mehr machen. Ich gebe jetzt immer Aufgaben, z.B. die Eltern zu interviewen, wie sie die Berufsausbildung erlebt haben und lasse einen Gegenstand dazu mitzubringen. Es gibt auch wieder viele mündliche Prüfungen und manchmal frage ich mich: „Wie lernen die Studierenden heute eigentlich schreiben?“
Welche Chancen bietet KI Ihrer Meinung nach gesamtgesellschaftlich?Es ist ein bisschen ein Wunderglaube, dass KI mehr Demokratie bringt. Da habe ich überhaupt keine Hoffnung, wenn wir so weitertun. Ich sehe viele Dokumentationen auf ARTE und damit wie viele autoritäre Typen jetzt u. a. in den USA an der Macht sind. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Ich bin überzeugte Europäerin, glaube an Europa und das demokratische System. Es geht darum zu überlegen, wie man die Abhängigkeiten von den Techbros in den USA vermindern kann.
Was raten Sie der jungen Generation in diesem Zusammenhang?Nutzt KI bewusst, redet mehr miteinander und schaut euch im Bus die Leute an, die neben euch sitzen!Wie gehen Sie persönlich mit KI um, verwenden Sie diese?Bewusst gar nicht so, ich denke mir immer: Nächste Woche tust du es mal. Aber ich verwende KI – eher unbewusst – natürlich, weil sie heute überall drinnen ist. Was ich nicht mache, ist KI für E-Mails zu verwenden und ich schreibe auch meine Artikel selber. Ich muss ja zum Glück keine Sitzungsprotokolle mehr verfassen und was ich jetzt tue, ist vielfach lustbetont. Wenn man sich vorstellt, ich bin Mitherausgeberin der Zeitschrift „Magazin erwachsenenbildung.at“ und jemand findet heraus „Die Gruber macht das mit der KI!“ – das wäre mir peinlich! Ich werde KI aber sicher für Recherchen nutzen.Ende April 2026 wurden Sie zur Bürgerin der Stadt Graz ernannt, dieser Ehrentitel geht an „Gemeindemitglieder, die sich um die Stadt besonders verdient gemacht und das 60. Lebensjahr überschritten haben“. Was war Ihre erste Reaktion?Ich habe einen Brief vom Büro der Bürgermeisterin Elke Kahr erhalten und mich total gefreut! Sie ist eine ganz unkomplizierte, nette Person. Der Titel „Bürgerin der Stadt Graz“ ist eine tolle Auszeichnung, ich habe ja immer gern in Graz gelebt.
Was wünschen Sie sich für diese Stadt?Im Prinzip sage ich „weiter so“, wichtig wäre noch mehr Aufmerksamkeit für die Mur als Lebensraum. Mein Mann ist Fliegenfischer und daher weiß ich, dass es schrecklich ist, wenn die Mur beruhigt wird. Die Fische sterben dann und daher sollte man den Rest der Mur als „wilden Fluss“ belassen. Die Stadt soll lebenswert und ein offener Lebensraum für alle sein, der Bildung und Wissenschaft zugewandt. Da liegen für mich die Prioritäten.
Sie sind ja auch Trägerin weiterer Preise …… ja, ich habe am 1. Dezember 2025 auch das Große Ehrenzeichen des Landes Steiermark für Wissenschaft, Forschung und Kunst Erster Klasse erhalten. Nun ist aber Schluss mit den Ehrungen – es ist mir fast schon ein wenig peinlich … Was soll ich dazu sagen? Ich freue mich natürlich sehr über alle Ehrungen – durch die Stadt, das Land Steiermark und die Republik Österreich. In meiner Dankesrede bei der Verleihung des Großen Ehrenzeichens der Republik habe ich schon darauf hingewiesen, wie dankbar ich vielen Menschen in Österreich bin, einem Land, das mich gut aufgenommen und in dem ich viele Menschen getroffen habe, die mich gefördert haben. Und: ich konnte mich an den Universitäten Graz und Klagenfurt wissenschaftlich sehr gut entfalten.
Wie hat sich ein typischer Tag in Elke Grubers Leben mit der Pensionierung verändert?Es ist erst ein Jahr her, ich habe noch StudentInnen zu betreuen und es war kein abrupter Abschluss, sondern eine bewusste Entscheidung. Aber es gibt keine Gremiensitzungen mehr und auch nicht mehr diese hohe Eintaktung des Tages. Trotzdem habe ich noch viel zu tun, ich habe seit meinem 16. Lebensjahr immer gearbeitet, ich kann gar nicht aufhören!Was haben Sie am „Pensionistinnen-Dasein“ bisher am wenigsten erwartet?Ich kann meinen Freundeskreis wieder mehr pflegen, das hat sich wirklich verändert.Das Thema Erwachsenenbildung, in das sie viel Herzblut, Zeit und Energie investiert haben, begleitet Sie ja nach wie vor. Können Sie auch einfach „abschalten“?Oh ja, da war ich immer gut. Wenn ich in Urlaub gefahren bin, bin ich ins Auto eingestiegen und war weg. Im Gegensatz zu meinem Mann, das war auch unser einziger Konfliktpunkt. Ich möchte nicht als Workaholic gelten, das wäre mir unangenehm. Als ich an der Universität Klagenfurt den Arbeitsbereich Erwachsenen- und Berufsbildung mit dem gleichnamigen Masterstudiengang aufgebaut habe, habe ich allerdings öfters von 7 bis 22 Uhr gearbeitet.Gibt es aktuelle persönliche Weiterbildungsziele?Ich will nicht Italienisch oder stricken lernen, ich möchte irgendwie am Ball bleiben, das ist mir wichtig. Also nicht zurückbleiben und daher werden ich mich mit KI beschäftigen.Gibt es etwas, das Sie schon immer lernen wollten und das Sie jetzt „angehen“ möchten?Ich bin im Moment so zufrieden mit mir. Aber es gibt ein Projekt, das für mich ein Herzensprojekt ist: Das Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft zieht im Februar in das Gebäude der ehemaligen Hygiene an der Uni, es wird einen Bildungscampus geben. Dieser Bau ist geschichtlich sehr belastet, weil dort auch in der NS-Zeit die Gerichtsmedizin untergebracht war. Ich bin Teil einer Gruppe, die die Geschichte unseres Instituts in der NS-Zeit aufarbeitet, Erinnerungskultur betreibt. Es wird aber auch noch weitere Projekte – wie Kunstprojekte – geben.
Bildung wirkt … wenn sie die Menschen berührt, indem sie Interesse und Neugier weckt.
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