Erwachsenenbildung begleitet durch alle Lebensthemen und Lebensphasen | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Erwachsenenbildung begleitet durch alle Lebensthemen und Lebensphasen

Maria Stimm hat im Oktober 2025 die Leitung des Fachbereichs Erwachsenen- und Weiterbildung am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Universität Graz übernommen. Die aus Deutschland stammende Professorin hat es sich zum Ziel gesetzt, die steirische Erwachsenenbildungslandschaft maßgeblich mitzugestalten, nennt sich selbst eine permanent Lernende und würde gerne fliegen können.

Maria Stimm © Jessica Braunegger

Sie stammen, wie übrigens auch Ihre Vorgängerin Elke Gruber, aus Deutschland. Bereits in der Steiermark angekommen? Ehrlich gesagt bin ich noch mittendrin im Ankommen – ich lerne gerade Orte, AnsprechpartnerInnen und Strukturen kennen und freue mich über und auf Austausch. Was mir schon aufgefallen ist: Ich mag die Atmosphäre in der Grazer Innenstadt sehr – das vermittelt mir nicht jede Stadt.

Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich für diese Stelle beworben haben?
Es war mein Ziel, eine Professur zu übernehmen – mit entsprechenden Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur Ausgestaltung. Das war in Graz in hohem Maße gegeben. Erwachsenen- und Weiterbildung als eigener Studienlehrgang, die Schnittstellenthemen wie Nachhaltigkeit oder Klimakrise, die hier an der Grazer Uni sehr präsent sind oder auch, dass Erwachsenenbildung vor Ort gelebt wird – all das hat mich sehr angesprochen. Ebenso wie die Vielfalt der Erwachsenenbildungs-Einrichtungen und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Welche beruflichen Stationen haben Sie bereits hinter sich?
Da gab es einige. Zunächst einmal habe ich an der Humboldt-Universität zu Berlin Erziehungswissenschaften und Spanisch studiert. Dann war ich an der Universität Rostock, habe dort im Bereich „Wissen, Kultur, Transformation“ promoviert. Es folgte eine Beschäftigung als wissenschaftliche Mitarbeiterin zunächst an der Uni in Berlin, danach an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – im Bereich Erwachsenen- und Weiterbildung. Die nächste Station war die Uni Koblenz, mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Genderfragen. Dem folgte eine Vertretungs-Professur für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Was ist für Sie das Faszinierende an der Erwachsenen- und Weiterbildung?
Als ich angefangen habe, Erziehungswissenschaften zu studieren, wusste ich nicht einmal, dass es den Bildungsbereich „Erwachsenenbildung“ gibt. Das war für mich eine echte Entdeckung! Und ich habe erkannt, dass es eben neben der schulischen und universitären Bildung dieses riesige Feld gibt, das unsagbar viele Möglichkeiten bietet – für Bildungsinteressierte, aber auch viele Berufsmöglichkeiten und Themen für die Forschung. Diese Vielfalt der Möglichkeiten und Perspektiven hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen. Über die Jahre habe ich nun mehr und mehr erkannt, dass die Erwachsenenbildung ein elementarer, unverzichtbarer Bereich unserer Gesellschaft ist. Ja, dass Erwachsenenbildung eigentlich unsere Gesellschaft mitgestaltet.

Was war für Sie in den ersten Monaten Ihrer neuen Tätigkeit das Überraschendste, was das Herausforderndste?
Das Erste, das mich hier in Graz wirklich überrascht hat, war, ehrlich gesagt, die Tatsache, dass ich so schnell eine Wohnung gefunden habe. In Berlin ist das ja ganz anders. Gefordert hat mich hingegen mein Anspruch, die Strukturen der Erwachsenenbildung so rasch wie möglich kennenzulernen – im Wissenschaftskontext, aber auch Handlungsfeld. Aber da habe ich bald erkennen müssen, dass das einfach nicht in ein paar Monaten zu machen ist.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Funktion gesetzt?
Mein übergeordnetes Ziel ist es, die steirische Erwachsenenbildungs-Landschaft durch Forschungsprojekte mitzugestalten – ebenso wie durch die Ausbildung von Studierenden und durch Kooperationen. Mir ist auch wichtig, Erwachsenenbildung als Berufsbereich präsent zu halten; denn in der Bildungssozialisation rutscht dieser Bereich leider oft etwas weg. Ich möchte auch verstärkt das breite Feld der Erwachsenenbildung deutlich machen – sei es nun Sprachbildung, Gesundheitsbildung, politische Bildung etc.
Auf der Uni gilt es die Themen des Studienganges zu befragen und Themen unserer Zeit an die Erwachsenenbildung anzupassen. Auch innerhalb der Uni ist es mir wichtig, immer wieder Kooperationen zu bestimmten Themen einzugehen. Das erste Ziel, meinen Fachbereich einmal gut kennenzulernen, habe ich mittlerweile erreicht; jetzt steht vor allem Netzwerk- und Kooperationsarbeit an.

Welchen Stellenwert räumen Sie der Erwachsenenbildung in Österreich ein – und wie unterscheidet sich das zu Deutschland?
Das Spezifische in Österreich ist die politische Zuordnung der Erwachsenenbildung auf der Bundesebene. Das gibt es in Deutschland so nicht; da gibt es Bundesländer-Regelungen. Was ich auch sehr spannend finde, ist, dass in Österreich die Bibliotheken gesetzlich der Erwachsenenbildung zugeordnet werden – in Deutschland ist das nicht der Fall. Dass es in Österreich nur zwei Professuren für Erwachsenenbildung gibt, hier in der Steiermark und in Kärnten, sehe ich auch als Ausdruck der wissenschaftlichen Wahrnehmung der Erwachsenenbildung. Gleichzeitig gibt es aber eine sehr heterogene, vielfältige Einrichtungslandschaft, die alles widerspiegelt, was die Erwachsenenbildung in ihrer Breite ausmacht. In Deutschland ist die wissenschaftliche Vertretung der Erwachsenenbildung umfassender.

Welche Rolle nimmt für Sie die Erwachsenenbildung in unserer Gesellschaft ein – was sind ihre wichtigsten Aufgaben?
Erwachsenenbildung hat eine sehr relevante Rolle, weil sie Erwachsene durch alle Lebensthemen und alle Lebensphasen begleiten kann – egal ob es um Berufliches oder etwa Krisen geht. Es ist ein enorm wichtiger Bereich, der alle adressiert; und das in ihrer gesamten Differenz. Oft fehlt es aber leider an der entsprechenden Ausstattung, um diese Rolle zu übernehmen. Mein Wunsch wäre deshalb, dass das Lernen Erwachsener eine noch größere Sichtbarkeit und mehr Wertschätzung erhält.

Wohin wird, soll, muss sich die Erwachsenenbildung in Zukunft bewegen?
Sie sollte allen voran versuchen, Spielräume sowie die Vielfalt der Themen und AdressatInnen offen zu halten. Es sollten möglichst keine Gruppen verloren gehen; das ist eine Herausforderung, die es zu reflektieren gilt. Zudem gilt es Themen aufzugreifen, die gerade nicht dem gesellschaftlichen Mainstream entsprechen, um mitzugestalten und um verschiedenste Adressatengruppen im Blick zu behalten.

Worin sehen Sie die künftig größte Herausforderung für die Erwachsenenbildung?
Eine große Herausforderung ist sicher, als Bildungsbereich sichtbar zu bleiben und sich nicht zwischen verschiedenen Interessensgruppen zerreiben zu lassen. Da gilt es, sich selbst stark zu positionieren.

Was kann die Forschung dahingehend leisten?
Die Forschung muss sich ganz stark als Kooperations- und Ansprechpartner wahrnehmen – es gilt in ein Gemeinsames zu kommen. Wichtig ist auch, Themen aufzugreifen, die in der Erwachsenenbildung relevant sind, gleichzeitig aber auch eigene Perspektiven aufzubringen, die dann in den Handlungsfeldern Widerhall finden. Solche Wechselbeziehungen gilt es zu forcieren. Ebenso wie Argumentationsfolien für die Sichtbarkeit der Erwachsenenbildung und die Weiterentwicklung der Erwachsenenbildungs-Wissenschaft.

Welche Schwerpunkte sind daher in der Forschung gefragt?
Ganz wichtig ist da beispielsweise die Generationenfrage sowie der gesamte Bereich rund um ältere Menschen in ihrer nachberuflichen Lebensphase – das sind Menschen, die noch 30 Jahre unsere Gesellschaft mitgestalten werden; und auch wollen. Ein Schwerpunkt ist sicher auch die gesellschaftliche Partizipation und die damit verbundene Frage:  Wie können alle Menschen mit ihren Bedürfnissen und Interessen wahrgenommen und eingebunden werden?
Auch sehr wichtig: Der Umgang mit gesellschaftlichen Krisen wie Pandemien oder Klimakrise. Auch die Digitalisierung ist natürlich ein großes Zukunftsthema, wobei ich da weniger an technische Kompetenzen denke als mehr an Reflexionsmöglichkeiten, Räume des Austausches, entsprechendes Einordnen usw.

Sie haben zum Thema Wissenschaftskommunikation promoviert. Wie spielt das in die Erwachsenenpädagogik hinein?
Wir können uns dem wissenschaftlichen Wissen nicht entziehen, es umgibt uns überall. Das gilt es, verständlich zu machen – und zwar so, dass verschiedenste Adressaten-Gruppen damit partizipieren können. Also egal, ob ein Comic, eine Dokumentation oder ein TikTok-Video, wichtig ist, dass die Menschen erreicht werden und das wissenschaftliche Wissen dabei nicht verfälscht wird.

Welche Rolle nimmt dahingehend Erwachsenenbildung ein? Und vor allem: Wie bringt man Menschen vom Wissen ins Tun?
Da gibt es tatsächlich eine große Lücke, die uns in vielen Bereichen begegnet; ich denke da etwa an den Bereich Gesundheit oder Klima. Aufgabe der Erwachsenenbildung ist es daher, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch Handlungskompetenz. Es müssen dafür beispielsweise Räume zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt werden. Es gilt sich Fragen zu stellen wie: Wie gelingt etwas in einer entsprechenden Altersgruppe? Wie in diesem speziellen Verein? Was sind die Bedürfnisse in der jeweiligen Community? Man muss da also verstärkt auch Räume bedenken, die sich Menschen geschaffen haben. Enorm wichtig ist dabei die Niederschwelligkeit.

Wie wichtig ist entsprechende Kommunikation, um Menschen für Wissenschaft zu interessieren und ihr Vertrauen zu gewinnen? Was ist da der Schlüssel dafür?
Der Schlüssel für die Kommunikation heißt Differenzierung! Die Menschen sind keine heterogene Gruppe. Es ist wichtig, laufend die Frage zu stellen: Wen möchten wir adressieren? Welche Gruppe ist über welchen Kanal zu erreichen?
Und man muss den Menschen klar machen, dass Erwachsenenbildung Differenzierung lebt und allen ermöglicht wird, an Bildung teilzuhaben – im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten.

Was bedeutet das für die Lehre – welches Rüstzeug müssen Studierende vorrangig erwerben?
Wichtig ist, dass Studierende verstehen, dass es keine Schablonen und Muster gibt; keinen fertigen Werkzeugkoffer. Lernen und sich bilden ist ein absolut individueller Prozess. Wir in der Erwachsenenbildung bieten dafür verschiedenste Strukturen an.
Studierende müssen ihr Handeln begründen können und über das Studium hinweg schauen, wo sie Schwerpunkte setzen und eine professionelle Expertise ausbilden können, um sich nicht in der Breite dieses umfassenden Bereichs zu verlieren. Studierenden muss zudem bewusst sein, dass sie das Feld mitgestalten; sie sollten also ihre Spielräume nützen, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

Welchen Stellenwert hat Lebenslanges Lernen im privaten Leben von Maria Stimm?
Ich verstehe mich als permanent Lernende. Schon allein der Wechsel an viele verschiedene Orte hat viele Lern-, Entdeckungs- und Erfahrungsprozesse gefördert. Ich lerne aber immer auch viel von meinen Studierenden; es ist mir generell wichtig, Perspektiven anderer kennenzulernen. Berufliche Weiterbildung ist selbstverständlich; da gibt es Tagungen, Konferenzen oder Seminare zur Führungskompetenz. Rein privat frische ich auch immer wieder mein Spanisch auf.

Wenn Sie ungeachtet der Umsetzungsmöglichkeiten eine Fähigkeit erwerben könnten – welche wäre das?
Ich würde gerne fliegen können! Es ist faszinierend, die Welt von oben zu sehen, und welche Bedeutung Dinge dann bekommen können. Das hat etwas Erdendes und auch eine Weite – ein sehr schönes Gefühl.

Bildung wirkt … allumfassend und für jeden und jede!

Weiterführende Informationen

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