Anna Telser hat an der Universität Graz „Erwachsenen- und Weiterbildung“ studiert und sich in ihrer Masterarbeit dem Thema „Onboarding in Erwachsenenbildungs-Einrichtungen“ gewidmet. Die 27-Jährige, die sich eine chronisch Wissbegierige nennt, lernt begeistert Sprachen und werkt als Ausgleich zur Computerarbeit gerne mit Ton.
Was war die Motivation für das Studium der „Erwachsenen- und Weiterbildung“?Das war eine ziemlich pragmatische Entscheidung. Das Arbeiten mit Erwachsenen hat mich immer fasziniert. Da dachte ich mir, ich schaue mir dieses Studium einmal an und wenn es nicht passt, dann wechsle ich eben. Es hat gepasst. Mein Ziel war übrigens, egal was ich studiere, der Master.
Warum?Beim Bachelor-Studium „Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ geht man sehr in die Breite – das hat auch seine Faszination. Aber zu mir passt das Spezifische, Schwerpunktmäßige einfach besser.
Sie haben sich in Ihrer Masterarbeit mit dem Thema „Onboarding“ beschäftigt – wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?Auch das war wieder sehr pragmatisch. Durch meine Arbeit beim Bildungsnetzwerk Steiermark habe ich viel Einblick in die Welt der Erwachsenenbildungs-Einrichtungen bekommen – das war alles hochspannend. Allen voran hat aber das Thema Onboarding mein Interesse geweckt. Ich habe also zu recherchieren begonnen und gesehen, dass es zu Onboarding zwar eine Fülle an Literatur gibt, aber nichts Spezielles für Erwachsenenbildungs-Einrichtungen. Da habe ich eine Forschungslücke gesehen. Meine Betreuerin war von der Idee begeistert – somit war das Thema fixiert.
Warum ist professionelles Onboarding so wichtig?Das Onboarding, also das Einbinden, Integrieren, Betreuen neuer MitarbeiterInnen, ist generell entscheidend für den Verbleib und die Entwicklung am Arbeitsplatz. Bei Erwachsenenbildungs-Einrichtungen stellt das aufgrund der Komplexität der Häuser, Vereine, etc. eine besondere Herausforderung dar. Da kommt auch eine Reihe weiterer Aspekte dazu – politische, das Gemeinwohl usw. – die berücksichtigt werden müssen. Und: Durch Kürzungen haben Einrichtungen momentan auch wenig finanziellen Spielraum, das wirkt sich natürlich auf die Attraktivität als Arbeitgeber aus. Es gibt weniger Vollzeitstellen; das alles macht gutes Onboarding umso wichtiger. Wird es vernachlässigt, geht das letztlich auf Kosten von Zeit, Geld, Substanz – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.Was macht gutes „Onboarding“ aus?Einmal so grundsätzliche Dinge wie ein Willkommenheißen, eine Vorstellungsrunde bei der Kollegenschaft, ein Rundgang durchs Haus – aufgeteilt auf die ersten Arbeitstage. Nicht sofort mit Informationen überhäufen; den Mitarbeiter, die Mitarbeiterin sukzessive in das Unternehmen und in seine/ihre Arbeit einführen – dabei nicht alleine lassen. Für Fragen offen sein und Zeit haben. Also gut mit an Bord nehmen. Neue MitarbeiterInnen einzuschulen ist keine Aufgabe, die man so nebenbei machen kann und sollte. Und auch keine, die man einfach so beherrscht. Es braucht also Beschäftigung mit dem Thema und am besten ein professionelles Onboarding-Konzept. Eine Investition, die sich bezahlt macht – für beide Seiten.
Das heißt konkret?Je besser jemand an Bord geholt wird, umso schneller ist er/sie integriert, mit den Arbeitsabläufen vertraut und kann seine/ihre Aufgaben gut erfüllen. Und fühlt sich damit auch entsprechend wohl. Das ist wichtig, denn immer wieder werfen neue MitarbeiterInnen noch in der Probezeit das Handtuch, weil sie sich überfordert, schlecht eingeführt, schlecht betreut fühlen. Damit gehen auf beiden Seiten wertvolle Ressourcen verloren – zeitliche wie finanzielle.Da spielt übrigens auch das so genannte Preboarding eine wichtige Rolle – das ist die Zeit von der Vertragsunterzeichnung bis zum ersten Arbeitstag. Hier ist es wichtig, dass Kontakt mit dem neuen Mitarbeiter/der neuen Mitarbeiterin gehalten wird, denn auch in dieser Phase springen Personen gerne ab.
Wie gut stellt sich die Praxis dahingehend dar?Ich habe mir für meine Masterarbeit fünf steirische Erwachsenenbildungs-Einrichtungen genauer angesehen – theoretisch und praktisch, indem ich Interviews geführt habe. Dabei hat sich gezeigt, dass vier bereits ein Onboarding-Konzept hatten.Umgesetzt wurden die Maßnahmen sehr unterschiedlich. Einige haben das sehr professionell gehandhabt und sind auch bereits weit in die Tiefe gegangen. Bei anderen war es noch mehr eine Check-Liste. Aber die Bedeutung von Onboarding ist den Einrichtungen generell bewusst. Dort wo es noch kein Konzept gibt, ist zumindest eines geplant. Das ist ja auch eine Ressourcenfrage. Daher wäre eines meiner Forschungsziele: Ein konstruktives Onboarding-Konzept ableiten, das für Einrichtungen mit weniger Ressourcen relevant sein kann. Denn außer Zweifel steht, dass eine gute Einbindung neuer MitarbeiterInnen unerlässlich ist. Gerade mit dem wachsenden Fachkräftemangel wird es immer schwieriger, gute Leute zu finden. Hat man sie, dann will und soll man diese natürlich möglichst lange im Unternehmen halten. Dafür ist ein guter Start mit kontinuierlicher Adaptierung der Onboarding-Maßnahmen entscheidend.
Welches Fazit können Sie ziehen?Aufgrund der Komplexität der Einrichtungen, der Anforderungen und des demografischen Wandels wird es auch für Erwachsenenbildungs-Einrichtungen immer wichtiger, sich mit dem Thema Onboarding zu beschäftigen und sich Zeit für gute Onboarding-Konzepte zu nehmen. Und diese auch laufend zu evaluieren und adaptieren. Onboarding-Konzepte sind lebende Papiere, sie müssen ständig angepasst werden.
Was hat Sie an Ihrer Arbeit am meisten fasziniert?Es war sehr schön zu sehen, wie sehr auch die soziale Ebene berücksichtigt wird. Es ist für MitarbeiterInnen einfach wichtig, dass sie sich willkommen und wohl fühlen, dass sich die KollegInnen gut verstehen, dass sie sich weiterentwickeln können – davon profitiert letztlich ja auch die Einrichtung; die mit guten und zufriedenen MitarbeiterInnen effizient arbeiten und sich ebenfalls gut weiterentwickeln kann.
Und was war für Sie das Unerwartetste?Dass das sogenannte Preboarding so wichtig ist – also, wie schon erwähnt, die Zeit zwischen der Vertragsunterzeichnung und dem tatsächlichen Arbeitsbeginn. Das wirft auch die Frage auf, wie wichtig gutes Offboarding ist; das wäre eine weitere Forschungsarbeit.Sie haben während Ihres Studiums ja auch einige Zeit beim Bildungsnetzwerk Steiermark gearbeitet. Wie ausschlaggebend war das für Ihre Masterarbeit?Diese Zeit war für mich sehr wichtig – und alles was ich im Bildungsnetzwerk Steiermark an Wissen und Erfahrung mitbekommen habe, hat mich durch meine wissenschaftliche Arbeit begleitet. Eine berufliche Tätigkeit im selben Themen-Bereich kann man gar nicht ausklammern. Da habe ich von vielen Leuten mit unglaublich viel Wissen und Erfahrung profitiert. Ich wurde geschult und habe geschult. Ich habe den Leitfaden für mein Interview mit einer Kollegin aus dem Bildungsnetzwerk reflektiert. Ich habe generell viel Hilfe und Unterstützung bekommen; etwa auch bei der Suche nach geeigneten InterviewpartnerInnen.
Wohin führt Sie Ihre berufliche Reise jetzt?Da ist gerade Vieles in Bewegung und auf dem Entscheidungskurs.
Welchen Status hat die Erwachsenenbildung Ihrer Meinung und Erfahrung nach in unserer Gesellschaft?Es gibt natürlich viele bildungsaffine Menschen; grundsätzlich aber hat die Erwachsenenbildung meiner Erfahrung nach einen zu geringen Stellenwert.
Woran liegt das?Weil alles, was mit Bildung zu tun hat primär auf den schulischen Bereich fokussiert ist – auch in der Politik und auch in den Medien. Die Erwachsenenbildung ist da ein bisschen außen vor, finde ich. Dabei ist sie auf allen Ebenen unseres Lebens wichtig und entscheidend. Das hat sich ja zum Beispiel auch heuer beim „Tag der Weiterbildung“ wieder sehr eindrucksvoll gezeigt – mit Einblicken in Bereiche wie Gleichbehandlung, Gleichstellung und Antidiskriminierung.
Wie könnte sich das verbessern?Eine Chance könnte im demografischen Wandel liegen. Viele geburtenstarke Jahrgänge gehen gerade in Pension, Junge rücken in die Arbeitswelt vor – sie müsste man abholen und für die Erwachsenenbildung begeistern. Da kann konstruktives Onboarding sehr hilfreich sein. Und dazu permanent Maßnahmen, wie sie vielfach ohnehin schon laufen, fortführen, verstärken und zeitgemäß anpassen – das reicht von Öffentlichkeitsarbeit über diverse Veranstaltungen, bis zur Schaffung unterschiedlichster Anknüpfungspunkte, etwa durch neue Lernorte.
Welche Bedeutung hat lebenslanges Lernen für Sie persönlich?Eine sehr große! Ich bin ein wissbegieriger Mensch, lerne gerne dazu – und lerne vor allem gerne von anderen Menschen. Das heißt, es muss nicht immer ein Kurs sein, auch über gute Gespräche, über die tägliche Arbeit, kann Weiterbildung geschehen. Sehr viel kann man auch von älteren Personen lernen – da sehe ich eine sehr vernachlässigte Ressource. Da bräuchte es mehr Offenheit für das, was Alt und Jung und Jung und Alt voneinander lernen und füreinander tun können.
Was haben Sie persönlich abseits von Studium und Arbeit in Sachen Weiterbildung bereits gemacht?Immer wieder etwas! Zurzeit mache ich etwa gerade einen Spanischkurs. Ich habe nämlich gemerkt, dass ich aufgrund von Arbeit und Studium schon länger nichts mehr einfach nur zum Spaß gemacht habe. Natürlich haben Arbeit und Studium Spaß gemacht, aber es war eben auch zweckgebunden. Spanisch lerne ich jetzt quasi „einfach so“. Ich möchte im Urlaub zumindest einen Kaffee oder mein Essen in der Landessprache bestellen und kleine Unterhaltungen führen können.Und ich töpfere auch – zusammen mit Freundinnen. Das ist für mich ein Ausgleich zur Arbeit am Computer. Etwas mit den eigenen Händen machen; das ist schön.
Steht schon etwas Neues auf dem Plan?Ja – ich will etwas, das ebenfalls schon einige Zeit läuft, abschließen. Ich mache nämlich eine Ausbildung zur Mediatorin. Da haben meine Studienkollegin und ich gerade einen Praxisfall, den wir begleiten.
Völlig abgesehen von der Umsetzungsmöglichkeit, was würden Sie gerne können?Noch mehr Sprachen. Und ich würde sie gerne ganz schnell lernen können. Ich merke nämlich immer wieder, dass man über gewisse, vor allem schwierige Themen leichter in einer Fremdsprache spricht. Da ist das Vokabular begrenzt, da kommt man schneller zum Punkt.
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