Wir dürfen uns das Denken nicht von der KI abnehmen lassen | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Wir dürfen uns das Denken nicht von der KI abnehmen lassen

Sara Crockett ist Naturwissenschaftlerin, unterrichtet an der Universität Graz und betreibt eine Firma für Wissenschafts-Kommunikation. Für die amerikanische Staatsbürgerin ist lebensbegleitendes Lernen ein wesentlicher Teil ihres Lebens, generell ortet sie jedoch sinkendes Bildungsniveau. Die Wahl-Grazerin erzählt, weshalb sie die Auswirkungen des KI-Hypes für bedenklich hält und warum sie sich stark gegen Stammtischparolen macht.

Sara Crockett © Fischer

Sie haben kürzlich an einem Angebot vom Frauenservice Graz aus dem Bereich Politische Bildung, dem Workshop „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“, teilgenommen. Warum?
Es ist ein Thema, das mich sehr interessiert. Mit so genannten Stammtischparolen ist man ja leider nach wie vor konfrontiert. Außerdem kenne ich Sabine Marek, die den Workshop geleitet hat. Ich schätze ihre Arbeit sehr und wusste daher, dass das bestimmt eine gute Veranstaltung werden wird.

Wie sind Sie überhaupt auf dieses Bildungsangebot gestoßen?
Ich bin Mitglied im Grazer Frauenrat sowie im Migrant:innenbeirat Graz und das Frauenservice ist einer unserer Netzwerkpartner. Daher bekomme ich immer wieder Informationen über Bildungsangebote und Veranstaltungen, die dort stattfinden. So habe ich auch von diesem Workshop erfahren.

Wo begegnen Sie in Ihrem Alltag Stammtischparolen?
Im Bus, an Haltestellen, in Lokalen. Ich gehe auch oft auf Demos – auch dort bin ich immer wieder mit solchen Parolen konfrontiert. Leider gibt es sie noch erschreckend oft.

Was haben Sie aus diesem Workshop für Ihren Alltag mitgenommen?
Zunächst einmal, was eine Stammtischparole eigentlich ist und wie man sie identifiziert. Und dazu sehr viele interessante Strategien, wie man solchen Parolen begegnen kann. Wenn man Deutsch nicht als Muttersprache hat, glaubt man zunächst ja oft, etwas falsch verstanden zu haben. Da ist es sehr wichtig zu erkennen, wo und wann Grenzen überschritten werden.

Könnten Sie eine solche Strategie nennen?
Etwa, dass man auf unreflektierte Behauptungen mit Fragen reagieren soll. Wie: Wo ist das festgeschrieben? Wo kann man diese Information nachlesen? Also den Wahrheitsbeweis antreten lassen beziehungsweise mit Fakten kontern. Wissen und Bildung sind da ideale Strategien.

Was war für Sie das Überraschendste an diesem Workshop?
Dass so viele Leute daran teilgenommen haben; es waren mindestens 25 Personen. Die Frauen – es war nur ein Mann in der Runde – waren aus den unterschiedlichsten Altersgruppen und hatten die verschiedensten Motivationen, bei diesem Workshop dabei zu sein.

Was hat Ihnen an der Veranstaltung besonders gut gefallen?
Vor allem die Rollenspiele, in denen wir Alltagssituationen nachgestellt haben. Das war sehr hilfreich.

Wie wichtig ist Ihnen Weiterbildung generell?
Für mich persönlich ist sie sehr wichtig! Was den Bildungsstand in der Bevölkerung angeht, habe ich aber ehrlich gesagt Sorge. Wir haben mehr und bessere Möglichkeiten denn je, zu lernen, uns weiterzubilden, unseren Wissensstand zu erweitern – ich habe aber den Eindruck, dass das Bildungsniveau und die Bedeutung von Bildung sinken.

Was sehen Sie da als Ursache dafür?
Da spielt sicher auch der Hype um die Künstliche Intelligenz mit. Viele fragen sich, warum sie überhaupt noch etwas lernen sollen, wenn ohnehin alles abrufbar ist und ihnen, vor allem durch die Medien, ständig gesagt wird, dass künftig sowieso alles von der KI erledigt werden wird. Und diese das besser, schneller und effizienter kann. Das macht etwas mit Menschen – und das ist schon problematisch.

Was heißt das für die Zukunft von Aus- und Weiterbildung?
Ich fürchte, dass der Wert der Bildung und Ausbildung sinken wird. Das hat, wie gesagt, ganz sicher auch mit der KI zu tun. Bildung wird in dieser neuen Welt nicht mehr als zwingend notwendig zum Überleben gesehen. Gerade junge Menschen fragen sich, ob es nicht andere Strategien braucht, um in dieser neuen Welt gut leben zu können. Ist Lesen dafür wichtig? Ich kenne leider enorm viele, die nicht mehr gerne lesen – oder nicht verstehen, was sie lesen.

Aber was macht diese Haltung speziell mit jungen Menschen?
Ich beobachte da zwei Phänomene: Zum einen Frustration, zum anderen so etwas wie eine stolze Ignoranz; einen Stolz auf das Nicht-Wissen. So nach dem Motto: Mein Kopf ist nicht vollgestopft. Ich bin frei von dieser Informationsflut. Da spielt bis zu einem gewissen Grad auch die Angst vor Fake News mit. Man lernt lieber nichts, beschäftigt sich mit etwas nicht, bevor man etwas Falsches aufnimmt.

Zurück zu Ihren Weiterbildungen. Sie haben eben erst am Konfuzius-Institut an der Veranstaltung „Traditionelle chinesische Kleidung“ teilgenommen. Wie kam es dazu?
Im Rahmen meines Engagements im Frauenrat und Migrant:innenbeirat interessiere ich mich auch sehr für internationale Themen. Ich bekomme auch regelmäßig den Newsletter der Uni Graz. Dort habe ich diese Veranstaltung entdeckt. Ich kannte das Konfuzius-Institut bis dato nicht und wollte es unbedingt kennenlernen. Ich wollte mehr darüber wissen, was dort gemacht wird. Und ich muss sagen, ich bin sehr beeindruckt von dieser Einrichtung und den Angeboten. Die Veranstaltung war nicht nur sehr interessant, sie hat auch sehr viel Spaß gemacht. Schön, dass es so etwas in Graz gibt.

Als Nicht-EU-Bürgerin – wie ordnen Sie die steirische Erwachsenenbildung in den europäischen Kontext ein beziehungsweise wie gestaltet sie sich im Vergleich zu Ihrem Heimatland?
Als Nicht-EU-Bürgerin und gebürtige US-Amerikanerin habe ich natürlich einen etwas anderen Blick auf die steirische Erwachsenenbildung. In den USA gibt es ebenfalls ein sehr vielfältiges Angebot an Weiterbildung – von Weiterbildungsprogrammen an Colleges und Universitäten bis hin zu spezialisierten Ausbildungs- und Trainingsinstituten.

Besonders beeindruckt bin ich jedoch von den Bildungsangeboten im postsekundären Bereich in Österreich, insbesondere von der Vielfalt und Qualität der Angebote an Fachhochschulen und Universitäten. Gleichzeitig sehe ich noch Potenzial im Bereich der Weiterbildung für junge Menschen im Alter von etwa 15 bis 25 Jahren.
In den USA gibt es beispielsweise verschiedene Möglichkeiten für Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre Schulausbildung aus unterschiedlichen Gründen unterbrochen oder abgebrochen haben, nachträglich einen High-School-Abschluss zu erwerben. Dadurch können sie leichter wieder in das Bildungssystem einsteigen oder Zugang zum Arbeitsmarkt finden.
In Österreich habe ich dagegen erlebt, dass Jugendliche in dieser Altersgruppe teilweise große Schwierigkeiten haben, wieder in das Bildungssystem zurückzufinden – etwa, wenn sie die Schule abgebrochen haben oder wenn Familien mit Jugendlichen in diesem Alter nach Österreich ziehen. Aus meiner Sicht wäre es daher sinnvoll, gerade für diese Übergangsphase zwischen Schule, Ausbildung und Beruf noch mehr flexible und niederschwellige Bildungsangebote zu schaffen. Insgesamt sehe ich die steirische Erwachsenenbildung als sehr vielfältig und gut entwickelt. Gleichzeitig könnte eine stärkere Fokussierung auf junge Erwachsene, die ihren Bildungsweg unterbrochen haben oder einen Quereinstieg benötigen, eine wichtige Ergänzung darstellen.

Es wurde jetzt schon öfters die Künstliche Intelligenz angesprochen. Welche Bedeutung messen Sie Bildung und Weiterbildung in Zeiten von KI nun wirklich zu?
Da verschiebt sich meiner Meinung nach gerade sehr viel. Die KI kann uns schon ganz vieles abnehmen. Das heißt: Ich brauche nur mehr ein gewisses Niveau an Bildung, um leben zu können. Also in etwa: Ich muss meine Wohnung, meine Stromrechnung, meinen Einkauf finanzieren können. Und ich muss meine geforderten Aufgaben am Arbeitsplatz erledigen können. Alles, was darüber hinausgeht, wird vermehrt als gar nicht mehr so wichtig erachtet.

Aber: Den Menschen darf durch die KI nicht die Macht genommen werden. Sie dürfen nicht in eine Abhängigkeit gedrängt werden. Gerade aber entsteht das Gefühl, dass man aufgrund der KI viele Dinge gar nicht mehr können muss. Da laufen wir Gefahr zu verlernen selbst zu denken, selber Lösungen und Wege zu finden.

Was wird dahingehend trotz Künstlicher Intelligenz unerlässlich bleiben?
Die Nutzung der KI ist ja nicht grundsätzlich schlimm. Sie muss aber gezielt eingesetzt werden. Sie ist dort hilfreich, wo es etwa um Wiederholendes geht, wo viel systematische Arbeit erledigt werden muss, die für Menschen langweilig und anstrengend ist. Aber sie darf das menschliche Denken nicht ersetzen. Das Denken soll und muss auch künftig vom Menschen kommen. Sonst geht das Vertrauen in sich selbst verloren. Man darf den (jungen) Leuten daher auch nicht immer sagen, dass KI unsere Zukunft ist, dass sich jeder und jede in jeder Hinsicht der KI bedienen muss und ohne KI einfach nichts mehr geht.

Wenn Sie sich ein Weiterbildungsangebot wünschen könnten – was wäre das?
Ich habe großes Interesse an Kunst. Ich bin aber leider nicht sehr künstlerisch begabt, lese aber gerade viel über Kunst und möchte mein Kunstwissen erweitern. Da wäre ein Angebot schön, wo man möglichst viel Wissen durch möglichst viele Bilder und möglichst wenig Text vermittelt bekommt.  Daran arbeite ich gerade – erfülle mir den Wunsch also vielleicht selbst.

Bildung wirkt … wenn wir heute lernen und morgen gestalten.

Weiterführende Informationen

Im Weiterbildungsnavi Steiermark finden Sie tausende Bildungsangebote zu unterschiedlichen Themen, darunter auch zahlreiche Angebote aus den Bereichen Kunst, Kultur und Kreativität. Das Konfuzius-Institut der Universität Graz lädt beispielsweise mit Sprachkursen dazu ein, die fernöstliche Sprache und Kultur kennenzulernen. Sprachkurse bieten außerdem Urania, Volkshochschule, bfi, WIFI oder die Qualifizierungsagentur an. Wer sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzen möchte, findet im Weiterbildungsnavi Steiermark eine vielfältige Auswahl an passenden Kursen. Ob beruflich oder privat – es sind bestimmt auch für Sie passende Bildungsangebote dabei!

Und wenn Sie noch nicht ganz wissen, welche Chancen es für Sie im Bildungskontext gibt: Information und Beratung zu allen Fragen der Aus- und Weiterbildung für Erwachsene erhalten Sie im Bildungsnetzwerk Steiermark anbieterneutral und kostenlos. Ob beruflich oder privat – es sind bestimmt auch für Sie passende Bildungsangebote dabei! https://erwachsenenbildung-steiermark.at/info/

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