Am 22. September fand im VHS-AK-Bildungszentrum in Graz die diesjährige KEBÖ-Tagung statt, zu der rund 160 Vertreterinnen und Vertreter aus Erwachsenenbildung, Politik, Wissenschaft sowie an der Thematik Interessierte zusammenkamen.
Nach der Begrüßung durch „Hausherrn“ Josef Pesserl, Präsident der Arbeiterkammer Steiermark, betonte Bundespräsident a. D. Heinz Fischer, Präsident des Verbands der Österreichischen Volkshochschulen (VÖV), in seiner Eröffnungsrede, dass Bildung immer mehr sein müsse als nur die Vermittlung von Wissen. Heute brauche es neben der fachlichen Kompetenz vor allem kritisches Denken, Kreativität und Medienkompetenz sowie die Fähigkeit, mit neuen Problemen umgehen und den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten zu können. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung suchen, sei die Vermittlung dieser Fähigkeiten eine der zentralen Aufgaben der Erwachsenenbildung. Dabei gelte es im Sinne der Chancengleichheit, vor allem jene Menschen zu erreichen, die bis dato wenig oder keinen Zugang zu Bildung und Weiterbildung hatten.John Evers, Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) und KEBÖ-Vorsitzender, würdigte die wertvollen Leistungen der Bildungsverbände und bezeichnete ihre Arbeit als wichtiges Engagement für die Menschen, für unseren Wirtschaftsstandort, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Demokratie.Den Höhepunkt des Vormittags bildete die Keynote von Gina Ebner, Stellvertretende Generalsekretärin der European Association for the Education of Adults (EAEA). Sie hob vor allem die Bedeutung von Lebenskontext und individuellem Bedarf von Lernenden in der Basisbildung hervor und nannte dahingehend das Beispiel „Citizens Curriculum England + Wales“ als vorbildhaft. Ein auf Lebenskompetenzen ausgerichteter Ansatz in der Erwachsenenbildung könne Einzelpersonen, Organisationen und Gemeinschaften zugutekommen, die Teilnahme an der Erwachsenenbildung steigern und zum Aufbau inklusiver Gesellschaften und nachhaltiger Umgebungen beitragen. Es dürften nicht Menschen an ein Curriculum angepasst werden, sondern man müsse sich verstärkt an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. In ihrem Resümee für die Arbeit der Erwachsenenbildungs-Organisationen empfahl Ebner, die eigene Organisation dahingehend zu durchleuchten und entsprechende Veränderungen durchführen sowie die Methodik so anzupassen, das Lernende mitbestimmen können, was und wie sie lernen. Ebner plädierte auch für eine Koordinationsstelle „Life Long Learning“ und beendete ihren Vortrag mit dem Appell, dass im Bildungsbereich die Gemeinnützigkeit unbedingt aufrechterhalten bleiben müsse.
Diesen Appell griff John Evers umgehend auf und betonte, dass die Erwachsenenbildung unbedingt als gleichberechtigter Bestandteil des Bildungssystems abgesichert werden müsse. Zudem meinte er mit Blick auf die Zukunft, dass Bildung als lebenslanges Recht gesehen werden müsse und ein massiver Ausbau der Grundausbildung unerlässlich sei. Um diese Notwendigkeit zu verdeutlichen, verwies Evers darauf, dass ein Drittel der Österreicherinnen und Österreicher Schwierigkeiten beim Lesen hat. Weiters gelte es, Demokratie und Zusammenhalt zu stärken. Evers hob die Bedeutung der rund 10.000 Lern- und Begegnungsorte in Österreich hervor, die Bildung in die Regionen bringen und die Erwachsenenbildung somit zum Kitt der Gesellschaft und zu einem wichtigen Teil der Infrastruktur des Landes machen. Als positiv wertete er, dass Erwachsenenbildungs-Einrichtungen in der Öffentlichkeit hohes Vertrauen genießen – und nannte Vertrauen als die wichtigste Währung in einer verunsicherten Gesellschaft.
Diskussionsrunde: Wie gestalten wir Lebenslanges Lernen bis 2040?In einer ersten Runde, moderiert von Lo Hufnagl, VHS Wien, wurde zunächst ebenfalls auf das Thema „Bildung als Menschenrecht“ eingegangen. Dazu nannte Maria Stimm, Professorin für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Graz, als Bedingungen damit Menschen überhaupt an Bildung teilnehmen können, Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Passung und Anpassungsfähigkeit.
Stefan Wallner, Bündnis für Gemeinnützigkeit, betonte, dass Bildung den Menschen erst zum Menschen mache und ihm dabei helfe, seinen Platz in der Welt zu finden. Das sei in Zeiten wie diesen besonders wichtig. Wallner zitierte auch Elon Musk, US-Unternehmer und Milliardär, der Empathie als die größte Schwäche der westlichen Welt bezeichnet. Laut Wallner sei es aber gerade die Empathie, die uns zu Menschen mache.Gina Ebner warf dazu ein, dass sich „Bildung als Recht“ in internationalen Institutionen (etwa UNESCO) erfreulicherweise immer stärker durchsetzt.
Im Diskussionspunkt „Demokratie und Zusammenhalt“ thematisierte Stefan Wallner das Problem unserer gespaltenen Gesellschaft. Dazu würden besonders die Sozialen Medien viel beitragen. Wallner sieht dort die Extreme verankert, dort werde der Spalt in der Gesellschaft am deutlichsten sichtbar. Als Gegenpol nannte er gemeinnützige Organisationen, die Orte und Räume schaffen, wo Menschen miteinander lernen, sich füreinander interessieren. Sie würden den Humus schaffen, auf dem Gemeinschaft, Gesellschaft und Demokratie gedeihen können.
Auch Gina Ebner hob die Bedeutung der Erwachsenenbildungseinrichtungen als wichtige Orte der Gemeinsamkeit hervor. Maria Stimm brachte ein, dass es allerdings wenig empirische Untersuchungen zur demokratischen Wirkung von Erwachsenenbildung gebe – und nannte das einen Handlungsauftrag.
Zur Diskussion stand ebenso das Thema Grundbildung, die John Evers als eine Voraussetzung für gesellschaftliche Handlungsfähigkeit bezeichnete. Er mahnte ein, den Blick deshalb nicht nur auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Bildung zu legen.
Marktplatz – Information, Netzwerk und Austausch.Nach dem Vormittagsprogramm gab es die Möglichkeit, den so genannten Marktplatz zu besuchen. Dort zeigten 18 Organisationen, steirische wie auch nationale und auf europäischer Ebene aktive, wie vielfältig die Landschaft der Erwachsenenbildung innerhalb der KEBÖ-Verbände wie auch in den Einrichtungen außerhalb der dachverbandlich organisierten. Viele Tagungsbesucherinnen und Tagungsbesucher nutzten dieses ansprechende Angebot, um sich aktuelle Informationen zu holen und mit Branchen-KollegInnen ins Gespräch zu kommen.
Diskussionsrunde – „Wie machen wir die Arbeit der Erwachsenenbildung sichtbarer?“
Unter der Moderation von Kerstin Slamanig, Geschäftsführerin des Bildungsnetzwerks Steiermark, diskutierten zu diesem Thema Miriam Moderegger, VÖV, Julia Schafferhofer, freie Journalistin, Gerald Strobel, BFI Österreich und Doris Wyskitensky, Abteilungsleiterin Erwachsenenbildung im Ministerium, BIFEB.Einigkeit herrschte dabei darüber, dass es der Erwachsenenbildung, obwohl sie zentraler und unverzichtbar wichtiger Bildungsbereich ist, an öffentlicher Aufmerksamkeit fehlt. Begründet sei das auch darin, dass der Bildungsbegriff nach wie vor eng an Schule und Universität beziehungsweise berufliche Aus- und Weiterbildung gebunden sei.
Doris Wyskitensky berichtete von „Leuchtturmprojekten“ der Erwachsenenbildung in Bezug auf Sichtbarkeit, die insbesondere im Bereich der Basisbildung, Bildungsberatung und Ö-Cert als bekanntes Qualitätssiegel gelungen sind. Informationsangebote wie das Alfatelefon werden besonders nach Medienberichten stark in Anspruch genommen – der Abteilung des Bundes ist es ein zentrales Anliegen, durch Öffentlichkeitsarbeit auf zentrale Themen der Erwachsenenbildung aufmerksam zu machen.
Julia Schafferhofer brachte aus der Medienperspektive ein, dass die Strukturen der Erwachsenenbildung für Außenstehende zudem sehr schwer nachvollziehbar seien. Miriam Moderegger verwies darauf, dass man vielleicht nicht immer „die ganze komplexe Geschichte“ erzählen muss, sondern vielleicht reicht es auch manchmal von konkreten Erlebnissen zu berichten und zu sagen: Diese Person hatte in diesem Kurs eine gute Zeit. Viele Menschen haben bereits irgendeinen Anknüpfungspunkt zur Erwachsenenbildung.
Schafferhofer wies außerdem darauf hin, dass es auch seitens der Erwachsenenbildungs-Einrichtungen tieferes Verständnis für Medienarbeit brauche – das reicht von rascher Verfügbarkeit von Informations- und Fotomaterial bis zur Vermittlung von entsprechenden Expertinnen und Experten. Außerdem sind konstante, verlässliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Medien wichtig, die diese Kontakte herstellen und gute Beziehungen zu Journalistinnen und Journalisten pflegen. Dafür sind entsprechende Ressourcen notwendig. Angeregt wurde auch, dass die Erwachsenenbildung generell verstärkt zu öffentlichen Themen Stellung beziehen und eine aktive Rolle einnehmen soll – so z.B. auf Podien, bei Fernsehdiskussionen odedr in Kolumnen.
Gerald Strobel ergänzte, dass es viele tolle Geschichten für Storytelling gäbe, allerdings strebe die aktuelle Medienlandschaft vor allem negative Emotionen an und man müsse sich als Bildungsanbieter fragen, ob man Teilnehmer und Teilnehmerinnen für die öffentliche Berichterstattung „in die Auslage stellen“ will. Die Branche müsse sich fragen, ob wir in Bezug auf das lebenslange Lernen vielleicht nicht zu euphorisch sind und diese Erzählung für einige Zielgruppen wie eine „Verurteilung“ klingen kann – um in einer sich ständig verändernden Welt zurecht zu kommen.
Miriam Moderegger, die auch den Aufbau und die Gestaltung der neuen KEBÖ-Website projektierte, stellte mit Rückblick auf gemeinsame Werbekampagnen der KEBÖ fest, dass sich die zentralen Botschaften über den Mehrwert von Bildung in den letzten Jahrzehnten eigentlich kaum verändert haben. Als Conclusio bleibt: Die Erwachsenenbildung muss lauter werden!
Im Dialog. Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner zum Lebenslangen Lernen in Österreich
Auch Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner stellte das Recht auf Bildung als Basis für öffentliche Teilhabe an den Beginn ihrer Ausführungen. Sie bedauerte, dass die Erwachsenenbildung politisch nach wie vor nicht jenen Stellenwert hat, der ihr gebührt. Dass Bildung nicht nach dem Schulabschluss endet, muss gar nicht neu gedacht werden, denn das Angebot ist schon da – „durch Sie alle“. Die oftmalige Reduktion auf wirtschaftliche Verwertbarkeit bilde nicht die Gesamtheit der Erwachsenenbildung ab und Erwachsenenbildung werde nach wie vor auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert. Umso wichtiger sei die neue LLL-Strategie, 2027/28, für die die Vorbereitungen im Oktober starten. Wichtig ist hier die Einbindung aller Stakeholder und auch jener, die Angebote der Erwachsenenbildung wahrnehmen. Holzleitner versicherte abschließend, sie sei eine verlässliche Verbündete, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit für die Erwachsenenbildung zu generieren. Ein positives Signal für die Branche ist in jedem Fall, dass im Doppelbudget trotz herausfordernder Zeiten eine Erhöhung der Offensivmittel erreicht werden konnte. Wir wissen nicht, welche demokratischen Mehrheiten wir zukünftig haben. Daher gelte es jetzt, wichtige Bereiche gut abzusichern. Nicht zuletzt gehe es auch um die Absicherung unserer Demokratie!
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