Im Rahmen einer Pressekonferenz zu der Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom, in deren Zuständigkeitsbereich auch die Erwachsenenbildung fällt, zusammen mit den Projektpartnern Urania Steiermark, alea Lernforum, BFI Steiermark, ISOP, Jugend und Werk und dem AMS in die Räumlichkeiten der Urania eingeladen hatte, wurden Einblicke in die Bedeutung und Praxis der Pflichtschulabschluss-Lehrgänge für Erwachsene gegeben.
Die gute Nachricht, die Khom gleich zu Beginn teilte: „Es freut mich sehr, dass wir selbst in finanziell fordernden Zeiten eine längerfristige Finanzierung der Lehrgänge bis 2029 sicherstellen konnten. So können jährlich zwischen 200 und 300 Steirerinnen und Steirer, die diese Angebote im Schnitt annehmen, ihren Pflichtabschluss kostenlos nachholen.“ Weiters unterstrich sie in ihrem Statement die Bedeutung der Kurse: „Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft. Leider sehen wir es viel zu oft, dass Jugendliche ihren Pflichtschulabschluss – aus welchen Gründen auch immer – nicht abschließen können. Daher bin ich dankbar, dass es mehrere Organisationen gibt, die mit den Kursen entscheidend dazu beitragen, diesen Umstand zu ändern. Hier zeigt sich, dass Arbeitsmarktpolitik nicht nur die Verwaltung von Arbeitslosigkeit ist, sondern Perspektiven aufzeigen kann. Die Mittel des Landes sind somit eine direkte Investition in den Arbeitsmarkt und die Zukunft dieser Steirerinnen und Steirer!“
KursteilnehmerInnen müssen fachlich und menschlich unterstützt werdenFür diese ist in den Einrichtungen der Pflichtschulabschluss-Anbieter auf alle Fälle gesorgt – das machte Günter Stocker, Trainer bei ISOP, in seinem leidenschaftlichen Plädoyer deutlich: „Es geht ja in diesen Kursen nicht nur darum, lesen, schreiben und rechnen zu lernen; es wird auch ganz viel mit und an den Menschen gearbeitet – vor allem an der ,unsichtbaren Seite‘. Das heißt an den Ursachen dafür, dass es mit dem Pflichtschulabschluss bis dato nicht funktioniert hat.“ Diese seien so unterschiedlich wie die Menschen in den Kursen selbst. Stocker: „Das kann gesundheitliche Gründe haben, seit Corona zeigen sich etwa auffällig viele Phobien – da bestehen soziale Ängste. Es können verschiedene Motivationsprobleme dahinterstecken. Wichtig ist, Vertrauen aufzubauen und den Kursteilnehmern und Kursteilnehmerinnen zu vermitteln: Es ist jemand da, dem es wichtig ist, dass ich mein Ziel erreiche! Die Leute brauchen Unterstützung und neue Perspektiven. Und wenn man dann nach dem erfolgreichen absolvierten Kurs in ihre Gesichter schaut sieht man, was der Pflichtschulabschluss für deren persönliche Entwicklung, besonders für ihren Selbstwert, bedeutet.
Vor allem aber bedeutet der Pflichtschulabschluss Chancen am Arbeitsmarkt. „Da ist gerade vieles im Wandel. Routinearbeiten werden beispielsweise vermehrt von KI übernommen, das macht es für Menschen ohne Pflichtschulabschluss zunehmend schwerer, einen Job zu finden“, betont Yvonne Popper-Pieber, Geschäftsführer-Stellvertreterin des AMS Steiermark, die Bedeutung der Basisbildung. Andererseits zeige die demografische Entwicklung, dass wir jeden jungen Menschen dringend am Arbeitsmarkt brauchen. Daher sei das Nachholen von Pflichtschulabschlüssen eine absolut wichtige und lohnende Investition in die Zukunft.Das wurde auch seitens des BFI Steiermark, einem der langjährigen Anbieter dieser Lehrgänge, voll und ganz untermauert: „Der erwachsenengerechte Pflichtschulabschluss gibt Menschen eine zweite Chance, ihre schulische Laufbahn erfolgreich abzuschließen. Dadurch eröffnen sich vielfältige Ausbildungswege und nachhaltige Perspektiven – für mehr Chancengleichheit, sozialen Zusammenhalt und gesellschaftliche Teilhabe.“
Erfolgsquote: 90 % schaffen den Abschluss im ersten AnlaufUmso bedenklicher der diesbezügliche Ist-Zustand in Österreich. Laut Nationalem Bildungsbericht 2024 zählen nämlich fast neun Prozent der 15-Jährigen zu den frühen Schulabbrechern. In der Steiermark betrifft das jährlich etwa 1.000 junge Menschen. „Die geförderten Lehrgänge bieten diesen Personen ab 16 Jahren jedoch die Möglichkeit, den Abschluss kostenlos nachzuholen“, freut sich Waltraud Pölzl, Geschäftstellenleiterin bei „Jugend am Werk Steiermark“ darüber, diese wichtige Chance anbieten zu können. Generell stehen Pflichtschulabschluss-Lehrgänge Menschen aller Altersgruppen zur Verfügung. Und die Anbieter verbuchen auch tatsächlich TeilnehmerInnen von 16 bis über 60 Jahren. Die Lehrgänge gibt es übrigens seit 2012, jährlich werden in der Steiermark 12 Kurse, die jeweils ein Jahr lang dauern, angeboten und von rund 200 bis 300 Personen abgeschlossen. Pölzl: „Erfreulicherweise ist die Ausfallsquote sehr gering. Rund 90 Prozent schaffen den Abschluss bereits im ersten Anlauf“.So wie Bahman Murtaza, der den Pflichtschulabschluss beim BFI nachgeholt hat und Flora Storm, die ihren Lehrgang bei ISOP absolvierte. „Für mich war das der Schlüssel für alles. Der Pflichtschulabschluss hat mir unglaublich viele Türen geöffnet. Allen voran jene, in die Lehre bei den Stadtwerken in Hartberg“, erzählt Murtaza, der im Jahr 2017 mit 15 Jahren nach Österreich gekommen ist. Und: „Ich habe zwar rasch Deutsch gelernt, aber weil ich keinen Schulabschluss hatte, habe ich keinen Job gefunden. Mit dem Pflichtschulabschluss hat es dann geklappt. Jetzt hole ich gerade die Matura nach – und auch die Meisterprüfung ist ein Thema.“Ähnlich steil bergauf ging es nach dem nachgeholten Pflichtschulabschluss für Flora Storm: „Die Schulzeit war schwierig, es gab Probleme mit Mobbing und Schulwechsel. Meine Mutter hat mich schließlich aus der Schule genommen und selbst unterrichtet – aber es gab keinen Abschluss. Ich war orientierungslos, ging zum AMS und wurde dort auf die Möglichkeit den Schulabschluss nachzuholen aufmerksam gemacht. Da hatte ich erstmals Fächer wie Chemie und habe gleich auch meine Leidenschaft dafür entdeckt. Jetzt mache ich an der TU eine Lehre zur Labortechnikerin.“
Pflichtschulabschluss-Lehrgänge sind Investitionen in Menschen, Arbeitsmarkt, Gesellschaft„Schön, dass Menschen diese Chancen haben, aber für solche Erfolgsgeschichten braucht es auch entsprechende Rahmenbedingungen“, wies Cäcilia Lovis, Obfrau des alea lernforums, nachdrücklich auf die ausschlaggebende finanzielle Unterstützung für diese Angebote hin. Denn: „Das Nachholen des Pflichschulabschlusses ist kein Luxus. Es ist eine renditestarke Grundlage für Integration, faire Chancen und eine leistungsfähige Gesellschaft. Jeder Abschluss eröffnet neue Perspektiven, erweitert Jobchancen, stärkt Selbstständigkeit und festigt unsere Gemeinschaft – wirtschaftlich wie sozial.“In dieselbe Kerbe schlägt auch Wolfgang Moser, Direktor der Urania Steiermark: „Das Nachholen des Pflichtschulabschlusses schafft viele Möglichkeiten. Er öffnet Tore zu Berufen mit Zukunft, denn er ist Voraussetzung für weitere Ausbildungen wie zum Beispiel Lehre, Krankenpflege und andere Qualifizierungen. Damit trägt die Urania zielsicher zur Arbeitsplatzsicherung, zur sozialen Integration und zur regionalen Standortsicherung bei.“Die Finanzierung der Pflichtschulabschluss-Lehrgänge schaut derzeit so aus, dass ab Herbst 2025 die rund 12 Lehrgänge pro Jahr in der Steiermark durch den Europäischen Sozialfonds finanziert werden, mit einer 32,5-prozentigen Beteiligung des Landes Steiermark und des Bundes – sie ist bis 2029 gesichert. Mit dem AMS hat man zudem einen wichtigen Kooperationspartner.Für das Bildungsnetzwerk Steiermark ist die langfristige Sicherung in herausfordernden budgetären Zeiten auch ein wichtiges Zeichen und erfreulich, da hiermit auch ein wesentlicher Forderungspunkt der Steirischen Erklärung der Erwachsenenbildung an- und aufgenommen wurde. Auch ein gutes Beispiel für die großartige Zusammenarbeit der Einrichtungen im Netzwerk und das Miteinander von Einrichtungen und Land Steiermark.
Informationen zum Thema Nachholen von Bildungsabschlüssen für Interessierte: https://erwachsenenbildung-steiermark.at/info/bildungsabschluesse-nachholen/
alea Lernforum, www.alea-lernforum.at | office@alea-lernforum.at | +43 664 884 540 98bfi Steiermark, www.bfi-stmk.at | info@bfi-stmk.at | +43 5 7270ISOP GmbH, www.isop.at/ | isop@isop.at | +43 316 76 46 46Jugend am Werk Liezen, www.jaw.or.at | komaz-liezen@jaw.or.at | +43 50 7900 5800Urania Steiermark, www.urania.at/ | urania@urania.at | +43 316 82 56 88 0