Der ExpertInnenbericht zu PIAAC 2022/23 bietet einen umfassenden Einblick in die Grundkompetenzen der erwachsenen Bevölkerung in Österreich und beleuchtet eine Vielzahl an Themen, die weit über die reine Darstellung von Kompetenzniveaus hinausgehen. In insgesamt zwölf Beiträgen untersuchen ForscherInnen zentrale Fragen zu Kompetenzentwicklung, sozialer Ungleichheit, Bildungslaufbahnen, Arbeitswelt, Leseförderung und Problemlösefähigkeiten.
Der aktuelle PIAAC-ExpertInnenbericht stellt ein breites, evidenzbasiertes Fundament bereit, das sowohl für Wissenschaft als auch für Bildungspraxis und -politik von großer Bedeutung ist. Die thematische Vielfalt – von der Entwicklung der Kompetenzen über den Lebensverlauf bis hin zu spezifischen Herausforderungen wie niedrigen Lesekompetenzen oder Weiterbildungsbarrieren – zeigt, wie komplex das Feld der Erwachsenenbildung ist und welche gesellschaftlichen Entwicklungen darin sichtbar werden.
Die Ergebnisse des PIAAC-ExpertInnenbericht zeigen deutlich, dass Weiterbildung in Österreich stark sozial selektiv bleibt. Jüngere Erwachsene und Personen mit höherem Bildungsabschluss beteiligen sich erheblich häufiger an Weiterbildung als ältere Menschen oder Personen mit maximal Pflichtschulabschluss. Auch die Lesekompetenz spielt dabei eine zentrale Rolle: Erwachsene mit höheren Lesekompetenzen nehmen deutlich öfter an Weiterbildungsangeboten teil, unabhängig von ihrem formalen Bildungsstand oder ihrer beruflichen Stellung. Umgekehrt zeigt sich, dass geringe Lesekompetenzen die Weiterbildungsbeteiligung massiv einschränken. Zusätzlich wirken sich Sprachkompetenzen und die Position am Arbeitsmarkt aus – Personen mit sicherer und qualifizierter Beschäftigung haben generell bessere Zugänge. Die Studie macht damit deutlich, dass Weiterbildung derzeit vor allem jene erreicht, die bereits über günstige Ausgangsbedingungen verfügen. Statt soziale Unterschiede zu verringern, tragen die bestehenden Strukturen dazu bei, diese Unterschiede zu stabilisieren oder sogar zu vertiefen.
Ein zweiter zentraler Befund betrifft die stark gestiegene Zahl der Erwachsenen mit niedriger Lesekompetenz. Laut Ergebnissen verfügen inzwischen rund 29 % der österreichischen Erwachsenen über Lesekompetenzen im unteren Bereich der Skala; das entspricht etwa 1,7 Millionen Menschen. Diese Gruppe ist äußerst heterogen, reicht jedoch von Personen, die nur sehr einfache Texte verstehen, bis hin zu Menschen, die bei längeren oder komplexeren Texten Schwierigkeiten haben. Besonders hervorzuheben ist, dass gerade diese Gruppe nur selten an Weiterbildungsangeboten teilnimmt. Viele Programme sind für sie schwer zugänglich, weil sie zu hohe sprachliche Anforderungen stellen, zu intensiv oder zu wenig flexibel sind oder finanziell und organisatorisch schwer bewältigt werden können. Außerdem fehlt es an niedrigschwelligen Lernangeboten, die möglichst wenig Schriftsprachlichkeit voraussetzen. Dadurch bleibt eine große Bevölkerungsgruppe von Weiterbildungsprozessen ausgeschlossen, obwohl sie eigentlich den größten Bedarf hätte.
Die Themenfelder verdeutlichen, dass die Erwachsenenbildung vor grundlegenden Herausforderungen steht. Die soziale Selektivität in der Weiterbildungsbeteiligung und der stark wachsende Anteil von Menschen mit niedriger Lesekompetenz verstärken sich gegenseitig. Weiterbildung kann ihre gesellschaftliche Funktion – nämlich Chancen auszugleichen und Teilhabe zu ermöglichen – nur dann erfüllen, wenn sie strukturell inklusiver gestaltet wird. Dafür braucht es niederschwellige Angebote, die sich an den realen Kompetenzen der Zielgruppen orientieren, sowie langfristig gesicherte Programme der Basisbildung, die erreichbar, leistbar und flexibel sind. Diese Voraussetzungen gilt es zu schaffen, damit Erwachsenenbildung zu einem wirksamen Instrument für Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe werden kann.
Nähere Informationen zur Studie PIAAC Grundkompetenzen von Erwachsenen 2022/23:>> Website STATISTIK AUSTRIA>> Nationaler Erlebnisbericht, Band 1>> Nationaler Erlebnisbericht, Band 2>> Expert:innenbericht
Rückfragen zur Studie und den Berichten:Statistik AustriaAllgemeiner Auskunftsdienst+43 1 711 28-7070, info@statistik.gv.at