PIAAC in der Diskussion: Was folgt aus den Ergebnissen? | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

PIAAC in der Diskussion: Was folgt aus den Ergebnissen?

September 2026

Am 11. Juni 2026 standen die Grundkompetenzen Erwachsener im Mittelpunkt einer Online-Veranstaltung der Burgenländischen Konferenz der Erwachsenenbildung (BuKEB). Neben vertiefenden Analysen der aktuellen PIAAC-Ergebnisse durch Eduard Stöger (Statistik Austria) bot eine anschließende Diskussionsrunde mit ExpertInnen aus Erwachsenenbildung und Bildungswesen Raum, die Ergebnisse einzuordnen und mögliche Konsequenzen für Bildungspolitik und -praxis zu diskutieren.

Kompetenzen entwickeln sich ein Leben lang
Ein interessanter Blickwinkel der Veranstaltung betraf die Frage, wie sich Kompetenzen im Laufe des Erwachsenenlebens verändern. Zwar zeigen die PIAAC-Ergebnisse bei älteren Kohorten einen besonders deutlichen Rückgang der Lesekompetenz: Fast jede zweite Person der 55- bis 65-Jährigen verfügt aktuell über niedrige Lesekompetenzen. Stöger betonte jedoch, dass daraus nicht automatisch auf einen Alterseffekt geschlossen werden kann. Eine Rolle spielen auch sogenannte Kohorteneffekte – also beispielsweise Unterschiede im Bildungssystem, das verschiedene Generationen durchlaufen haben.

Erkenntnisse einer deutschen Längsschnittstudie (Hanushek u.a. 2024) ergänzen dieses Bild: Kompetenzen können sich bis ins mittlere Erwachsenenalter weiterentwickeln. Bei Menschen über 40 Jahren gehen sie vor allem dann zurück, wenn Lesen und Schreiben in Alltag und Beruf wenig genutzt werden. Neben dem formalen Bildungsabschluss ist damit auch entscheidend, inwieweit vorhandene Kompetenzen im weiteren Lebensverlauf tatsächlich angewandt werden.

Auch die österreichischen PIAAC-Daten weisen auf die Bedeutung des beruflichen Umfelds hin: Erwerbstätige verfügen grundsätzlich über höhere Lesekompetenzen und es zeigen sich Zusammenhänge mit der Leseaktivität am Arbeitsplatz. Bei PensionistInnen und haushaltsführenden Personen haben sich die Lesekompetenzen zwischen den Erhebungszyklen deutlich verschlechtert. Auch bei LehrabsolventInnen zeigt sich eine Verschlechterung, die insbesondere ältere Kohorten betrifft.

Für die Erwachsenenbildung ist diese Perspektive besonders relevant: Bildung und Kompetenzentwicklung enden nicht mit dem Abschluss von Schule oder Ausbildung. Möglichkeiten, vorhandene Kompetenzen auch im Erwachsenenalter anzuwenden, zu erhalten und weiterzuentwickeln, bleiben über den gesamten Lebensverlauf bedeutsam.

Soziale Herkunft wirkt bis ins Erwachsenenalter
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungswegen und den im Erwachsenenalter gemessenen Kompetenzen. Den stärksten Zusammenhang mit der Lesekompetenz weist die Reifeprüfung als eigener Bildungsabschluss auf. Danach folgen Erstsprache und Bildungsstand der Eltern, während der besuchte Schultyp in der Sekundarstufe I und insbesondere der Kindergartenbesuch eine geringere Rolle spielen. Im Vergleich zum vorherigen PIAAC-Zyklus blieb der Einfluss des eigenen Bildungsabschlusses weitgehend stabil, während jener des Bildungsstands der Eltern zugenommen hat.

Bereits bei der Eröffnung der Veranstaltung verwies unsere Ländernetzwerk-Partnerin und BuKEB-Vorsitzende Christine Teuschler deshalb auf eine gemeinsame Verantwortung von Schule und Erwachsenenbildung. Denn hinter den Kompetenzwerten stehen Menschen, für die geringe Grundkompetenzen Nachteile in Alltag, Beruf und gesellschaftlicher Teilhabe bedeuten.

Erwachsenenbildung ist keine „Reparaturwerkstätte“
Welche Verantwortung trägt dabei die Erwachsenenbildung? In der Diskussion warnte VÖV-Generalsekretär und aktueller KEBÖ-Vorsitzender John Evers vor einem zu engen Verständnis ihrer Aufgabe: Erwachsenenbildung sei keine „Reparaturwerkstätte des Schulsystems“. Ihr Auftrag gehe weit über das nachträgliche Vermitteln versäumter Kompetenzen hinaus und berühre grundsätzlich das Recht auf Bildung.

Gleichzeitig verfügt gerade die gemeinnützige Erwachsenenbildung über jahrzehntelange Erfahrung mit niederschwelligen Bildungsangeboten und erreicht damit auch Menschen, die an anderen Stellen des Bildungssystems nicht oder nicht mehr andocken. Mit Level Up – Erwachsenenbildung besteht in Österreich ein etabliertes Programm zur Förderung von Basisbildung und zum Nachholen des Pflichtschulabschlusses. In der Diskussion wurde jedoch auch deutlich, dass der Bedarf die vorhandenen Möglichkeiten bei Weitem übersteigt.

Erwachsenenbildung kann also einen wichtigen Beitrag leisten, aber nicht alleine gesellschaftliche und bildungsbezogene Ungleichheiten auffangen. Dafür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen und Ressourcen – und ein Zusammenspiel der verschiedenen Bildungsbereiche. Jan Niggemann vom Österreichischen Institut für Erwachsenenbildung (oieb) ergänzte, die Erwachsenenbildung sei keine Werkstatt, könne aber ein „Ort der Hoffnung“ sein, wenn sie die Mittel dafür habe.

Grundkompetenzen gehen uns alle an
Die Diskussion machte außerdem deutlich, dass niedrige Grundkompetenzen nicht vorschnell einzelnen gesellschaftlichen Gruppen zugeschrieben werden sollten. Fast jede vierte erwerbstätige Person weist laut den präsentierten PIAAC-Auswertungen niedrige Lesekompetenzen auf. Auch bei Personen mit abgeschlossener Lehre oder BMS-Abschluss betrifft dies rund jede dritte Person. Eine signifikante Zunahme niedriger Lesekompetenzen zeigt sich zudem sowohl bei Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft und Erstsprache Deutsch als auch bei Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft und einer anderen Erstsprache. Die Entwicklung lässt sich damit nicht allein auf Migration zurückführen.

Gleichzeitig wurde bei der Veranstaltung ausdrücklich darauf hingewiesen, die PIAAC-Ergebnisse nicht mit „funktionalem Analphabetismus“ gleichzusetzen: Erhoben wird die Lesekompetenz in der jeweiligen Landessprache – in Österreich also Deutsch, Schreibkompetenzen werden in PIAAC nicht getestet.

Abschließend liefert der Blick auf unser Leseverhalten einen interessanten Befund: Das in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegene Lesen von Kurznachrichten wirkt sich nicht per se negativ auf die Lesekompetenz aus. Weniger günstig ist hingegen, dass längere und komplexere Texte – etwa Artikel in Zeitungen oder Magazinen – seltener gelesen werden. In diesem Sinne unser persönlicher Abschluss: Führen Sie sich heute doch noch ein spannendes Magazin oder etwas längere Artikel zu Gemüte!

Weiterführende Informationen:

Über die Burgenländische Konferenz der Erwachsenenbildung
Die Burgenländische Konferenz der Erwachsenenbildung – kurz BuKEB genannt – ist eine Kooperation von gemeinnützigen, burgenländischen Erwachsenenbildungseinrichtungen, die gemeinsam ein flächendeckendes und hochqualitatives Weiterbildungsangebot für alle Burgenländerinnen und Burgenländer bereitstellt.

BuKEB
Domplatz 21, 7000 Eisenstadt | office@bukeb.at | www.bukeb.at