Teilhabeatlas als Chance für die Zukunft | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Teilhabeatlas als Chance für die Zukunft

September 2025

Christoph Bauer hat sich in seiner Doktorarbeit mit dem Thema Teilhabe beschäftigt und ist der Frage nachgegangen, wie erreichbar Bildung und Erwachsenenbildung in der Steiermark ist. Nach einem ersten Austausch im März 2023, als Bauer noch mitten in der Arbeit war, hat das Bildungsnetzwerk Steiermark nun nachgefragt, für wen der finalisierte Teilhabeatlas aktuell relevant ist, welche Auswirkungen er bis dato gezeigt hat und wo in Zukunft anzusetzen ist, damit Teilhabe gleichmäßiger verteilt ist.

Christoph Bauer Foto@BN

Was genau ist der Teilhabeatlas?
Er fasst auf kommunaler Ebene die Verteilung von unterschiedlichen Teilhabe-Faktoren zusammen – wie den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln – und zeigt, inwieweit Ressourcen verfügbar sind. Der Teilhabeatlas zeigt auf, wo sich Rahmenbedingungen verbessern lassen, damit Menschen die gleichen Verwirklichungschancen haben. Hierbei spielt Weiterbildung eine wesentliche Rolle. Somit lässt sich ebenso ablesen, wie die Gemeinden in Bezug auf verschiedene Teilhabeaspekte zueinanderstehen. Bisher ist der Teilhabeatlas noch nicht auf die Mikroebene, also auf einzelne Personen bezogen, dort könnte man aber weiterforschen, so ist es angedacht.

Welche Teilhabe-Faktoren gibt es generell?
Soziale, wirtschaftliche und infrastrukturelle. Ein Beispiel zu sozialen wären etwa Vereine, Bildungs- und Kulturangebote, wirtschaftliche Teilhabe-Faktoren sind z.B. die Arbeitsplatzverfügbarkeit oder die wirtschaftliche Situation der Kommune, infrastrukturelle wären der Zugang zu Medizin oder öffentlichem Verkehr. Wobei gewisse Faktoren auch eine Doppelfunktion einnehmen. So sind beispielsweise Bildungseinrichtungen Ort der Zusammenkunft und können zugleich als Teil der Infrastruktur gesehen werden.

Wie und für wen sind die Ergebnisse Ihrer Arbeit relevant?
Der Teilhabeatlas ist sowohl für die Forschung als auch für die Praxis nutzbar. In der Forschung können die Daten, die jetzt verknüpft zur Verfügung stehen, genutzt werden, um weitere Hypothesen zu erforschen und auch neue Forschungsansätze zu definieren. Auf politischer Ebene können sie herangezogen werden, um zu sehen, wo man ansetzen kann, um die Teilhabefaktoren in der Steiermark zu verbessern. Dazu muss nicht jede Gemeinde auf den gleichen Stand gebracht werden, es geht vielmehr um die Frage, wo man Ressourcen verknüpfen kann, damit die Ausgangssituation zur möglichen Lebensgestaltung für alle Steirerinnen und Steirer gleich ist.

Inwieweit hat der Teilhabeatlas mit Erwachsenenbildung zu tun?
Erwachsenenbildung trägt dazu bei, wie ich mich beruflich und persönlich weiterentwickle. Bildung ist daher auch ein wesentlicher Aspekt im Teilhabeatlas. Sie ist enorm wichtig und befähigt Personen Verwirklichungschancen zu erkennen und zu nutzen.

Sind die Ergebnisse für die Erwachsenenbildung interessant?
Am Teilhabeatlas kann abgelesen werden, welche Erwachsenenbildungseinrichtungen in welchen Gemeinden vertreten sind und welche Fachbereiche angeboten werden. Auf die Träger bezogen wird sichtbar, was in der Kommune fehlt und noch zusätzlich angeboten werden könnte. Die Erwachsenenbildungsträger sind sich dessen übrigens teilweise bewusst, doch ob Angebote zustande kommen bzw. bestehen bleiben, hängt von der Nachfrage und weiteren Faktoren ab. So besteht nicht jedes Jahr dasselbe Interesse, das bedeutet, dass Kontinuität oft nicht gegeben ist.

Jedenfalls ist der Teilhabeatlas für Erwachsenenbildungseinrichtungen interessant, weil die Zusammenhänge sichtbar gemacht werden, z.B. wird gezeigt, welchen Einfluss Mobilität auf eine etwaige Nutzung haben kann. Ein wesentlicher Faktor dabei ist Zielgruppen-Orientierung, das heißt, dass die, die gerne teilnehmen würden, durch das Raster fallen können, wenn Angebote nicht im näheren Umfeld verfügbar sind oder der Bus am Abend nach der Weiterbildung nicht mehr zurück in die Gemeinde fährt. All das sind Informationen, die Träger in ihre Planung mit einbeziehen können um für eine bessere Teilhabemöglichkeit in der Steiermark zu sorgen.

Sie haben im Bereich Erwachsenenbildung zum Thema Teilhabe- und Bildungschancen promoviert. Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen?
Bereits während meines Studiums am Institut für Soziologie an der Universität Graz hat mich das Thema soziale Ungerechtigkeit sehr interessiert. In Deutschland gab es, als ich mit meiner Dissertation am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften begonnen habe, bereits ein ähnliches Projekt, allerdings bezogen auf das ganze Land. Ich wollte mir die Steiermark näher anschauen, und zwar vor allem auf kommunaler Ebene. Die Idee zur Arbeit entstand bereits 2020, angefangen habe ich mit meiner Dissertation dann im Februar 2021, abgeschlossen habe ich sie im Juni 2024. Mein Interesse für das Thema ist nach wie vor groß, ich würde gerne weiterforschen, wenn ich die nötigen Mittel dazu erhalten kann. Ich habe mich gerade als Sozialforscher selbständig gemacht.

Fand die Recherche für den Teilhabeatlas eigentlich in den Kommunen selbst statt?
Die statistischen Daten für alle steirischen Gemeinden stehen grundsätzlich online auf unterschiedlichen Plattformen zur Verfügung. Da gibt es zum Beispiel den Breitband-Atlas, der für die Breitbandverfügbarkeit eine wichtige Rolle spielt und sehr detailliert ist. Meine Arbeit bestand u.a. darin, ihn heranzuziehen und den vorhandenen Raster auf die kommunale Ebene umzurechnen, da diese Daten noch nicht vorhanden waren. Die Ergebnisse der Monitoringberichte des Bildungsnetzwerks Steiermark habe ich genutzt, um sichtbar zu machen, wo welche Träger tätig sind und welche Fachbereiche sie anbieten. Meine Hauptquelle zur Bevölkerung war die Statistik Austria, da waren etwa die Daten zu Haushaltsgrößen, Arbeitsstätten oder der Wanderungssaldo, also die Zu- und Abwanderung, von Bedeutung. Das Weiterbildungsnavi Steiermark war ebenfalls sehr hilfreich. Außerdem gibt es das Firmenverzeichnis der Wirtschaftskammer (Firmen A-Z). Hier habe ich für jede Gemeinde eigenständig die dort eingetragenen Lebensmittelgeschäfte und Drogeriemärkte herausgesucht und diese dann in Steiermark-Karten eingetragen. Um über die Verkehrsverbindungen Informationen zu erhalten, habe ich Daten der Holding weiterverarbeitet. Meine Dissertation war also ziemlich datenlastig [lacht].

Was hat sich seit Abschluss Ihrer Arbeit in den Kommunen getan?
Auf Landesebene tat und tut sich sehr viel, bald ist die Koralmbahn fertig, das Glasfasernetz wurde ausgeweitet, die davon betroffenen Gemeinden werden davon eine positive Veränderung erfahren. Gerade im öffentlichen Verkehr hat sich viel getan, man denke an den Mikroverkehr, welcher bereits vor meiner Dissertation eine relevante Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr war. Es ist ein stetiger Prozess, der allerdings auch Zeit braucht, bis er Wirkung zeigt.

Wurden Ihre Erwartungen, die Sie in Ihr Dissertationsthema gesetzt hatten, erfüllt?
Das, was ich in den Quellen und der vorhandenen Literatur gefunden habe, hat meine Erwartungen bestätigt. Egger und Fernandez haben 2014 unter dem Titel „Grundversorgung Bildung. Über die Gefährdung sozialer Kohäsion durch die Ausdünnung der Weiterbildungsstruktur“ eine Studie veröffentlicht, die gezeigt hat, dass es in der Steiermark bereits seit längerer Zeit Regionen gab, in denen die Grundversorgung mit Bildung nicht gewährleistet ist.

Aldrian, Fließer und Egger publizierten 2020 „Weiterbildung in Regionen mit Bevölkerungsrückgang. Aufbau eines unterstützenden Lernnetzwerkes durch die Volkshochschule“ , darin näherten sie sich dem Thema Weiterbildung anhand der Volkshochschulen in der Steiermark und betrachteten dabei die Regionen Liezen und Südoststeiermark genauer. Rurale Gebiete haben mit Bevölkerungsrückgängen und Überalterung der Bevölkerung zu tun, den jüngeren Teil der Bevölkerung zieht es in Regionen mit guten Bildungs- und Jobmöglichkeiten.

Mir war der Mehrwert sehr wichtig, also dass die Ergebnisse durch Kartografie gut sichtbar gemacht werden, ich denke, dass meine Erwartungen diesbezüglich erfüllt wurden. Ich für meinen Teil hätte natürlich gerne die Zeit und das Geld, um einen kompletten Überblick zu erarbeiten. Es ist so wichtig, dass andere die Bedeutung der bestehenden Studien auf diesem Gebiet und des Teilhabeatlas sehen und mitmachen! Dies kann beispielsweise auch durch Erwachsenenbildungsträger und die Teilnahme am Monitoring geschehen, wodurch wiederum ein Mehrwehrt für die Bevölkerung entstehen kann.

Hatten Sie bei Ihrem Dissertationsthema auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen?
Generell ist es immer eine Herausforderung, an alle gewünschten Daten zu kommen. Für mich war es auch herausfordernd, dass ich mich in die Tiefen des Geo-Informationssystems (GIS) erst selbst einarbeiten musste. Und: Persönlich war es für mich nicht immer leicht, einzugrenzen und irgendwann einen Endpunkt für die Datensammlung zu setzen, ich würde gerne alles machen [lacht].

Was hat Sie überrascht?
Mein Bewusstsein dafür wurde verändert, was alles auf die Lebensgestaltung Einfluss haben kann, wie stark Personen in ihrem Leben beeinflusst werden, wenn Ressourcen nicht zur Verfügung stehen. Wenn Gemeinden zum Beispiel keine weiterführenden Schulen haben, müssen die Kinder teilweise über zwei Nachbargemeinden fahren, was täglich zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen kann. Das kann den weiteren Bildungs- und Lebensweg maßgeblich beeinflussen. So kann dieser Weg unter anderem Einfluss auf die Einstellung zu Bildung im Erwachsenenalter haben und damit ebenso auf die Bereitschaft zur Teilnahme an Erwachsenenbildungsangeboten. Ebenso hat mich überrascht, dass es Kommunen gibt in denen nur ein Erwachsenenbildungsträger tätig ist, wodurch teilweise auch die Fachbereich begrenzt sind. Dies ist zwar alles aufgrund der wirtschaftlichen Ausrichtung der dortigen Bevölkerung nachvollziehbar, vernachlässigt jedoch die Bedürfnisse einzelner Individuen.

Hinsichtlich Mach- und Finanzierbarkeit von Teilhabe: Was können Kommunen beitragen?
Wenn Gemeinden im Teilhabeatlas weniger gut bzw. unterdurchschnittlich dastehen, bedeutet das nicht automatisch, dass es den Personen in der Gemeinde schlechter geht. Es soll auch kein Konkurrenzkampf hinsichtlich der Ressourcen entstehen. Es wäre falsch zu sagen, dass wir überall gleiche Teilhabefaktoren brauchen. Es braucht Verwirklichungschancen in den Gemeinden, die die Menschen dort zufrieden stellen. Es geht also um die Frage „Was benötigt die Bevölkerung“. Die Lösung hierbei heißt informieren, zum Beispiel darüber, welchen Einfluss Bildung hat und wie man zu den Aus- und Weiterbildungen kommen kann, die man sich vorstellt. Und zu schauen, was man in den einzelnen Gemeinden möglich machen kann.

Welche Nachwirkung hat der Teilhabeatlas? Gibt es konkrete Lösungsansätze?
Er hat Bewusstsein dafür geschaffen, was alles im Leben eine Rolle spielen kann. Er hat auf jeden Fall Einfluss, auch auf einzelne Regionen, die Regionalentwicklung und ist von bildungspolitischem Interesse. Ich hatte bereits gute Gespräche mit Vertreterinnen der Fachabteilung Gesellschaft im Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Abteilung 6 Bildung und Gesellschaft. Für die BBO (Bildungs- und Berufsorientierung) habe ich bereits die Ergebnisse des Teilhabeatlas präsentiert. Zudem habe ich bei der Sommerakademie des Land Steiermark für die MitarbeiterInnen einen Workshop zum Thema „Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit: Herausforderungen und Potentiale in der Steiermark“ abgehalten, welcher inhaltlich auf Teilergebnissen des Teilhabeatlas basierte.

Ich glaube, die Ergebnisse werden dort Einflüsse haben, wo sich Personen engagieren, über Grenzen hinweg denken und zum Wohl der steirischen Gesamtbevölkerung agieren. Ein Ziel wäre, die eigenen, kommunale Grenzen zu öffnen und kommunenübergreifend Veranstaltungen und Ressourcen zu teilen, so wie es in gewissen Bereichen bereits passiert.

Welchen Stellenwert hat Weiterbildung für Sie persönlich?
Bildung und Weiterbildung haben für mich einen sehr hohen Stellenwert. Ich selbst habe unterschiedliche Aus- und Weiterbildungen absolviert, viele davon an der Universität, z.B. am Zentrum für soziale Kompetenzen wie Präsentationstechniken, Kommunikationstraining, Gruppendynamik und didaktische Kompetenzen. Auch Digitalisierung, in Hinsicht auf die Lehre, war für mich ein Thema. Mir geht es nicht um Leistungsdenken, ich möchte in vieles reinschnuppern und -schauen, so habe ich mit dem Bogensport angefangen, dann habe ich die Übungsleiterausbildung gemacht und war mehrere Jahre ehrenamtlich als Jugendtrainer im Bogensport tätig. Beim Treffpunkt Sprachen der Universität Graz habe ich Grundlagen in Kroatisch, Spanisch und Gebärdensprache gelernt. Um mein Englisch zu erweitern, war ich in Kanada und habe dort eine Sprachschule während meines Aufenthalts besucht.

Wenn Sie alle Zeit der Welt hätten, was würden Sie noch gerne erlernen?
Musik, ich bin aber total unmusikalisch. Als Kind habe ich Keyboard gelernt, aber mittlerweile wieder alles vergessen, ich würde gerne Gitarrenunterricht nehmen, um mit meinen Kindern zu musizieren, ich bin jedenfalls kontinuierlich am Schauen. Im Alter würde ich dann vielleicht noch einmal studieren, Physik wäre spannend. Auch eine Ausbildung zum Mechaniker würde mich reizen, ich würde nämlich gerne selbst ein Motorrad zusammenbauen.

Bildung wirkt … dort, wo sie ermöglicht und auch angenommen wird.

Hier erfahren Sie mehr: Beispiel Verteilung Teilhabecluster – Teilhabechancen in den steirischen Gemeinden

Bei weiteren Fragen wenden Sie sich gerne an:
Dipl.-Ing. Dr.phil. Christoph Bauer, BSc BA MA
conarta – Gesellschaft für empirische Sozialforschung OG
E-Mail: christoph.bauer@conarta.at
Tel.: +43 (664) 992 870 70

Weiterführende Informationen

Im Weiterbildungsnavi Steiermark finden Sie tausende Bildungsangebote zu unterschiedlichen Themen. Es ist bestimmt auch etwas für Sie dabei! Hier finden Sie Bildungsangebote zum Erlernen von Sprachen sowie Informationen über Sportausbildungen.

Und wenn Sie noch nicht ganz wissen, welche Chancen es für Sie im Bildungskontext gibt: Information und Beratung zu allen Fragen der Aus- und Weiterbildung für Erwachsene erhalten Sie im Bildungsnetzwerk Steiermark anbieterneutral und kostenlos:

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