Demokratiebildung und Vertrauen in die Wissenschaft | Bildung für Erwachsene in der Steiermark

Demokratiebildung und Vertrauen in die Wissenschaft

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Erwachsenenbildung neu denken“ wurden am 31. Jänner 2024 im Bildungshaus Schloss Retzhof aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze im Kontext der Demokratiebildung und des schwindenden Vertrauens in die Institutionen diskutiert.

In einer Zeit, in der die Welt kontinuierlichen, massiven Veränderungen unterliegt, stehen Demokratien vor neuen und komplexen Herausforderungen. Während Autokratien (auch) in Europa neue SympathisantInnen finden, gehen aktuell in Deutschland und Österreich Menschen auf die Straße, um die Demokratie zu verteidigen. Damit setzt die Zivilgesellschaft ein deutliches Zeichen dafür, wie wichtig Beteiligung an der politischen Willensbildung in einer Demokratie ist.

Werner Amon, Landesrat für Europa, Internationale Angelegenheiten, Bildung und Personal und Initiator der Veranstaltungsreihe „Erwachsenenbildung neu denken“ räumt dem Thema Demokratiebildung und Vertrauen in die Wissenschaft in Zusammenarbeit mit der Erwachsenenbildung einen besonderen Stellenwert ein: „Demokratie und Bildung gehen Hand in Hand – das eine bedingt das andere. Als Europa- und Bildungslandesrat ist es mir deshalb ein Anliegen, das Erstarken von radikalen Strömungen zu verhindern. Umso wichtiger ist es, dass wir uns für ein geeintes Europa einsetzen!“

Kernfrage der Veranstaltung war, welche neuen Lösungsansätze Erwachsenenbildung setzen kann, um ihren Beitrag dabei zu leisten, damit Demokratiebewusstsein und die Bereitschaft für soziales und politisches Engagement in der Bevölkerung gestärkt und forciert werden.

Hannes Galter, Vorstandsvorsitzender Bildungsnetzwerk Steiermark, und Kerstin Slamanig begrüßten die VertreterInnnen der Erwachsenenbildung im Bildungshaus Schloss Retzhof.

Hannes Galter, Kerstin Slamanig ©Luef light

Hannes Galter betonte, dass die Zeiten herausfordernd seien. Phänomene wie Globalisierung oder Digitalisierung wären inzwischen so komplex geworden, dass sie mit dem sogenannten Hausverstand nicht mehr zu bewältigen sind. „Das Vertrauen in die traditionellen Institutionen stirbt immer mehr, die Frage nach einfachen Antworten wird dringlicher. Antworten aus der Wissenschaft sind vorhanden, bedürfen aber der Vermittlung“, präzisierte er und: „Es geht darum, neues Vertrauen in Institutionen zu schaffen und das „Me First-Gebaren“, das sich in Konsumblasen abspielt, aufzubrechen, sodass ein neues Miteinander entstehen kann.“ Auch Kerstin Slamanig ortete einerseits Frustration, die Demokratien gefährde, doch es gäbe Hoffnung: „Vertrauen in die Zukunft dürfen wir trotzdem haben, denn es gibt sehr viele engagierte Leute – und sie stehen zur Demokratie!“

Keynote Aleida Assmann: „Demokratie in einer sich wandelnden Zeit“

Als Keynote-Speakerin wurde die deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zugeschaltet. Hannes Galter begrüßte die für ihre Arbeit mit Schwerpunkt Gedächtnisforschung mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin: „Frau Assmann hat den Begriff kulturelles Gedächtnis geprägt, sie hat die Frage von Menschenrechten und -pflichten aufgeworfen und erst vor Kurzem die Rede zur Eröffnung der Kulturhauptstadt 2024 in Bad Ischl gehalten.“

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In ihrer eindrucksvollen Keynote zeigte Aleida Assmann Möglichkeiten auf, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen: „An einer politischen Kultur muss man arbeiten und Demokratie setzt Empathie voraus.“ Den permanenten Wahlkampf mancher Politiker betrachtet sie als Gefahr, „auch eine Möglichkeit, eine Demokratie zu zerstören“. Nach einem Plädoyer für die Europäische Union, die Assmann als Schutzmacht der Demokratie sieht, widmete sich die Vortragende unter anderem noch dem Thema der Einwanderung und Veränderung des nationalen Wir.

„Es ist notwendig, starre Konstrukte durch Begegnungen und Bildung aufzubrechen“, und als die fünf Faustregeln der Demokratie nannte Assmann, dass der Rechtstaat gestärkt werden müsse, die Menschen achtsam vor Gewalt und deren Verschleierung durch Euphemismen sind, eine selbstkritische Erinnerungskultur, kein Feindbild aber einen starken Sinn dafür, was die Menschen miteinander verbindet und zusammenhält sowie das Bewusstsein, dass Menschenrechte auch Menschenpflichten einschließen.

Diskussion zum Thema „Demokratiebildung und Vertrauen in die Wissenschaft“ – Hannes Galter diskutierte mit Aleida Assmann und Katrin Praprotnik

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Der aktuelle „Freedom-House-Index“ zeigt an, dass derzeit nur zwei von zehn Menschen in einem vollkommen freien Land leben. Aleida Assmann und Katrin Praprotnik sind sich einig: „Es gibt keine Garantie für Demokratie, sie ist keine Selbstverständlichkeit.“ Wahlen seien dabei aber nur ein kleiner Ausschnitt der Demokratie. Assmann sprach sich für stärkere Involviertheit aus: „Alle vier Jahre zur Wahl zu gehen und ein Kreuz zu machen ist die minimalistische Form,“ so Assmann.

Demokratieforscherin Katrin Praprotnik erläuterte in der Diskussion: „Es braucht nicht zwingend die Zustimmung zu einer bestimmten Partei. Es braucht nur die Zustimmung zum System der Demokratie an sich.“ Protestbewegungen sieht sie als belebend für Demokratien. Die Politikwissenschaftlerin verwies auf eine Studie, in deren Rahmen sie selbst die Umsetzung von Wahlversprechen in Österreich in den Jahren 1990 bis 2013 untersucht hatte. Dafür sah sie sich über 2.000 Wahlprogramme an, das Ergebnis erstaunte die meisten Anwesenden: An die 55 Prozent der Wahlversprechen wurden – zumindest teilweise – tatsächlich umgesetzt. Demokratien sind besser als ihr Ruf. Sich zu engagieren zahlt sich auf jeden Fall aus und deshalb plädiert Praprotnik, wie auch ihre Kollegin aus Deutschland, für einen niederschwelligen und kostengünstigen bzw. kostenlosen Zugang zu Basiswissen, auch was das Thema Politik betrifft.

Assmann: „Warum sollen nur Politikwissenschaftler über Politik reden? Politik geht uns alle an!“ Auf eine Nachfrage aus dem Publikum zum Thema „Zugang zu Wahlen“ in Österreich, wies Praprotnik darauf hin, dass dies durchaus Thema sei, denn beispielsweise sind in der Landeshauptstadt Wien aktuell nur drei Viertel der Bevölkerung auch wahlberechtigt. „Wenn jemand nicht wählen darf, gibt es auch kein Programm für diesen Menschen“. Im Sinne der Demokratieentwicklung kann sie zum Beispiel der Schaffung von Bürgerräten einiges abgewinnen.

Junge Menschen zu begeistern, gelingt zum Beispiel mit Simulationsspielen, sie lernen dabei, dass Entscheidungen in einer Demokratie nicht aus einer Laune heraus getroffen werden, sondern im Rahmen von Verhandlungsprozessen.

Zum Thema Jugend und Demokratie sieht Assmann ein hoffnungsvolles Zukunftsbild: „Das Menschenbild der Jugend hat sich erweitert. Im Hintergrund steht so etwas wie Gerechtigkeitssinn.“ Praprotnik ortet aktuell bei den Älteren eine bessere Verankerung der Demokratie. Bei den Jüngeren wächst, so die Politikwissenschaftlerin, auch jene Gruppe, die sich Alternativen zu Demokratien vorstellen kann.

Ableitungen der Ergebnisse für die Steirische Erklärung der Erwachsenenbildung

Vor dem Abendprogramm mit den Expertinnen diskutierten unter Bezugnahme auf die LLL-Strategie „Zukunft der Erwachsenenbildung Steiermark“ und den Aktionsplan 2025 VertreterInnen aus steirischen Bildungseinrichtungen neue Methoden und Ansätze im Kontext der Demokratiebildung, um Menschen in der Steiermark besser dabei zu unterstützen, am politischen Diskurs teilzunehmen und das Vertrauen in die Institutionen zu stärken.

Die diskutierten Lösungsansätze reichten von notwendigen Änderungen in den Rahmenbedingungen innerhalb derer die Erwachsenenbildung agieren kann, Maßnahmen zur Aufwertung der Kommunikations- und Beteiligungskultur sowie des Europabewusstseins, bis hin zu infrastrukturellen Verbesserungen, um Angebote besser erreichbar zu machen und unterstützender Aufklärungsarbeit von öffentlicher Seite, etwa durch das Schaffen kooperativ genutzte Kommunikationskanäle.

Vielen Dank an Aleida Assmann und Katrin Praprotnik für das Einbringen ihrer Expertise und allen Teilnehmenden an der Veranstaltung für ihren wertvollen Beitrag für die Zukunft der Erwachsenenbildung im Kontext der Demokratiebildung. Die Ergebnisse werden in Folge in einem kooperativen Prozess in der „Steirischen Erklärung für Erwachsenenbildung“ einfließen, die am 24. Mai 2024 im Steiermarkhof präsentiert wird.

LLL-Strategie „Zukunft der Erwachsenenbildung Steiermark“ (PDF) >
Aktionsplan 2025 „Zukunft der Erwachsenenbildung Steiermark“ (PDF) >
Präsentationsunterlagen Aleida Assmann (PDF) >

Impressionen zur Veranstaltung „Demokratie und Vertrauen in die Wissenschaft“

Die Veranstaltung der Reihe „Erwachsenenbildung neu denken“ auf Initiative des Bildungsressorts wurde im Rahmen von „Bildung wirkt“ kooperativ mit der Steirischen Erwachsenenbildung und vom Bildungsnetzwerk Steiermark durchgeführt.

Für Kooperationen und Ideen sind wir offen, wir freuen uns auf Ihre Rückfragen und Anregungen:

Bildungsnetzwerk Steiermark