Schriftlos heißt nicht sprachlos

Oktober 2020

Teilnehmende an Basisbildungskursen veröffentlichen Buch

Schrift ermöglicht das Festhalten und Überliefern von Inhalten. Seit ihrer Entstehung können die Gedanken von Menschen, unabhängig von örtlicher und zeitlicher Nähe, in der Entwicklung moderner Gesellschaften berücksichtigt werden. Die Nutzung von Schrift ist auch in der heutigen Zeit ein wesentliches Partizipationswerkzeug: Ideen, Erfahrungsberichte sowie kritische Auseinandersetzungen werden in der Regel schriftlich kommuniziert. Steht Partizipation nur jenen zu, die sich schriftlich beteiligen können? Und wie können Menschen einbezogen werden, die es nicht gewohnt sind, gehört zu werden?

Schriftlos heißt nicht sprachlos

Um „den Gedanken Dauer zu geben“, hat die Zentrale Beratungsstelle für Basisbildung und Alphabetisierung vor kurzem das Buch schriftlos heißt nicht sprachlos herausgegeben. Aktuelle und ehemalige Teilnehmende aus Basisbildungskursen haben dafür Texte verfasst, welche von Ihren Erlebnissen, Wünschen, Träumen und Gedanken zu aktuellen gesellschaftlichen Themen handeln. Unterhaltsame Gedichte und fiktive Erzählungen runden das Leseerlebnis ab.

Das Buch zeigt auf, was möglich ist, wenn Erwachsene den Mut fassen, ihre Lese- und Schreibkompetenzen zu verbessen. Außerdem wird sichtbar, dass Menschen, unabhängig von ihrem formalen Bildungsabschluss, wertvolle Inhalte zu gesellschaftlichen Diskursen beitragen. Exemplarisch für viele spannende Gedanken folgt eine kurze Leseprobe zu einem aktuellen Thema:

„(…) Wir haben aufgehört medizinisches Personal zu schätzen und sind krank geworden, um zu erkennen, wie unersetzlich sie sind.

Wir haben aufgehört die Lehrer zu respektieren, und die Krankheit hat die Schulen geschlossen, damit die Eltern selbst sehen, was Unterricht ist.

Wir verbrachten Freizeit in Einkaufszentren, die Krankheit schloss sie, so dass wir verstanden, dass Glück nicht gekauft werden kann. (…)“

(aus: „Das Coronavirus als Chance für die Menschen“, Autorin: Aishat Usmahadzhieva, S. 69)

Das Buch steht online unter folgendem Link zur Verfügung und kann auch in Printversion bestellt werden: https://www.alphabetisierung.at/produkt/schriftlos-heisst-nicht-sprachlos/

Aktuelles aus der Praxis

Michaela Schaffer ist Leiterin des alea Lernforums und Koordinatorin der steirischen Organisationen, welche Basisbildung im Rahmen der Initiative Erwachsenenbildung anbieten. Sie berichtet aus der Praxis:

Basisbildungskurse richten sich nicht nur an Menschen mit niedrigem Ausbildungsniveau. Wir hatten in einem Kurs zum Beispiel einen hochgebildeten Buchautor, der grundlegende digitale Kompetenzen erlernen wollte. Die Teilnehmenden konnten auch viel voneinander lernen“.

Derzeit werden die Angebote mehrheitlich von Menschen mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen, obwohl von der Initiative Erwachsenenbildung auch ÖsterreicherInnen als Zielgruppe fokussiert werden. Für diese ist das Nachholen von Grundkompetenzen jedoch häufig mit Scham und Angst vor Stigmatisierung behaftet.

Basisbildung umfasst sinnerfassendes Lesen, Schreiben, mathematische Grundkenntnisse und den sicheren Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien im Alltag. Rund eine Million ÖsterreicherInnen verfügen nicht über ausreichend Basisbildung, da sie Grundkenntnisse in der Schule nicht ausreichend erwerben konnten oder wieder verlernt haben. Rund 60% davon sind berufstätig (PIAAC, 2011/12 bzw. 2014/15). Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Anzahl von Personen mit Basisbildungsbedarf in den letzten Jahren, u.a. durch die Zuwanderung von geflüchteten Menschen, u.a. durch (schrift-) sprachliche Barrieren erhöht hat. Dazu kommt, dass Jobs für angelernte Hilfskräfte immer weiter zurückgehen und betroffene Personen Schwierigkeiten haben, auf steigende Herausforderungen am Arbeitsplatz zu reagieren.

Aktuelle Angebote zu Basisbildung und Pflichtschulabschluss in der Steiermark finden Sie unter: https://erwachsenenbildung-steiermark.at/info/basisbildung-pflichtschulabschluss/

Für Angebote in ganz Österreich steht die Zentrale Beratungsstelle für Basisbildung und Alphabetisierung zur Verfügung: https://www.alphabetisierung.at/

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Organisation mit Menschen mit geringen Basiskompetenzen gemacht? Wie konnten diese erfolgreich angesprochen werden und wo sehen Sie Herausforderungen?

Wir würden gerne in einem unserer nächsten Newsletter zu Ihren Praxiserfahrungen berichten und freuen uns über Kontaktaufnahme!

Bildungsnetzwerk Steiermark

Mag.a Marlies Zechner